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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:31

 

Henning Mankell: Der Chinese

31.05.2008

Samstag ist Krimitag

Maoismus für Anfänger


Der erste Mankell-Fan, dem ich je begegnet bin, war unser Praktikant. Er ist Sozialpädagoge. Ich kann mir inzwischen vorstellen, was ihm an den Büchern gefallen hat. Ich weiß ganz sicher, was mir an Der Chinese, dem neuesten Mankell, nicht gefällt. Von Sabina Schutter

 

In einem kleinen schwedischen Dorf findet ein Massaker an 19 alten Menschen statt. Die schwedische Polizei ist entsetzt, Kommissarin Vivi Sundberg sieht sich vor der kaum zu bewältigenden Aufgabe, den Täter für dieses unbegreifliche Blutbad zu ermitteln. Als die Richterin Birgitta Roslin von den Morden erfährt, fällt ihr ein, dass die Adoptiveltern ihrer Mutter unter den Opfern sein könnten. Sie beginnt selbst eine Ermittlung, die sie bis nach China führt, und begibt sich in höchste Gefahr. Mankell versucht sich hier an der Bearbeitung verschiedener Konflikte: Schweden im Konflikt mit einem Verbrechen ungeahnten Ausmaßes, Exekutive gegen Judikative, Bruder gegen Schwester, Maoismus gegen Kapitalismus, Ideale der Jugend gegen den Realismus des Alters. Dass all das nicht ganz so konstruiert wirkt, wie es sich hier andeutet, spricht für handwerkliche Erzählkompetenz. Das ist jedoch das Einzige, was dieses Buch von den Memoiren eines mittelmäßigen Realschul-Gemeinschaftskunde-Lehrers unterscheidet. Auf 603 Seiten eröffnet Mankell offenbar sein Weltbild über China, Afrika, den Maoismus, den Imperialismus und das Altern, nur notdürftig in Dialoge und ewig lange Gedankenprosa verpackt. Diese Gedankenprosa ist es auch, die den leserlichen Widerwillen erzeugt.

Denn es wird keine Gelegenheit ausgelassen, uns das eigene Denken abzunehmen: „Die Menopause habe ich ganz gut hinter mich gebracht. Aber was jetzt mit mir passiert, weiß ich nicht richtig“, denkt die Richterin beispielsweise nach einem Arztbesuch. „Vivi Sundberg fühlte sich, als wäre ihr Kopf von Blut getränkt.“ Wie auch sonst, wenn sie gerade 19 Leichen inspiziert hat?

„Was dachte sie selbst? Sie wusste zu wenig, um eine feste Meinung zu haben. Aber Robert Mugabe war ein Mann, der in vieler Hinsicht Bewunderung und Respekt verdiente“, denkt die später im Buch auftauchende Frau namens Hong angesichts ihres Besuchs beim Präsidenten von Zimbabwe. Hongs später auftauchende Gedanken fassen meine Kritik an dem Roman trefflich zusammen: „Ein chinesischer Dolmetscher stellte die Tänze vor. Das wäre nicht nötig gewesen, dachte Hong.“ Genau! Ersetze: „Chinesischer Dolmetscher durch „Mankell“, „Tänze“ durch „überflüssigen Gedanken“ und „Hong“ durch „die Rezensentin“. Laut Klappentext hat keiner seiner Romane Mankell so aufgewühlt wie dieser. Dass dies den Lesern nicht auch passiert, dafür sorgen 603 Seiten Lebensresümee einer mittfünfzigjährigen Richterin.

Sabina Schutter


Henning Mankell: Der Chinese (Kinesen, 2008). Roman. Ins Deutsche von Wolfgang Butt. Zsolnay Verlag 2008. 603 Seiten. 24,90 Euro.

 

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