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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:31

 

Grazia Verasani: Briefe einer Toten

07.06.2008

Samstag ist Krimitag

Sam Spades kleine italienische Schwester


Kürzlich bemängelte Ulrike Noller an dieser Stelle das Desinteresse der Kritiker an Krimischriftstellerinnen. Der Frau kann geholfen werden, denn es gibt eine neue Autorin, die das Hinschauen mehr als lohnt.
Von Beate Mainka

 

Grazia Verasani, Norditalienerin aus Bologna, Jahrgang 1963, Schauspielerin, Liedermacherin, Dramatikerin (ihr erstes Bühnenstück From Medea [Uraufführung 2002] wurde auch auf deutschen Bühnen bereits inszeniert), hob 2004 in Bella Italia eine Serienheldin aus der Taufe, deren Debüt bereits ein Jahr später unter dem Originaltitel Quo vadis, Baby? von Gabriele Salvatores verfilmt wurde.

Gestatten, Giorgia Cantini, Privatdetektivin!

Mit dieser Figur ist die Schwarze Serie im Mittelmeerraum des 21. Jahrhunderts angekommen, denn Cantini steht ihren amerikanischen Kollegen aus den 1930ern und 1940ern in deren schlechten Gewohnheiten in nichts nach. Sie raucht zu viele Camels, sie liebt Gin Lemon bereits zur Mittagzeit (falls überhaupt so spät), ist mit ihren fast 40 Jahren extrem bindungsunfähig und braucht die Männer doch, um die Einsamkeit in ihrem Bett zu vertreiben. Ihre Berufswahl beschreibt sie mit folgenden Worten :„Es ist kein Zufall, dass ich diese Arbeit mache. Ich sehe wilden Tieren dabei zu, wie sie sich untereinander zerfleischen, fotografiere sie, dokumentiere und archiviere sie....“
Zudem ist sie eine Meisterin der Verdrängung, denn ihre Familiengeschichte strotzt vor Tragödien. Die Mutter fährt ihr Auto in selbstmörderischer und erfolgreicher Absicht vor die Wand der heimischen Garage, da ist Cantini gerade zwölf, und ihre Schwester Ada, die schöne und bewunderte, scheitert an ihrem Ziel, in Rom eine Schauspielkarriere zu starten und erhängt sich mit 22 Jahren am Umhängegurt ihrer Handtasche. Als ein Freund 16 Jahre später eine wiedergefundene Schachtel mit Briefen Adas an Cantini schickt, kommen der begabten Detektivin Zweifel am Selbstmord der Schwester, denn wer ist A., der heimliche und offensichtlich gewalttätige Geliebte, den sie kurz vor ihrem Tod erwähnt?

Verasani lässt ihrer Protagonistin in ihrem Serienstart viel Raum, sich und ihr persönliches Umfeld in einer kargen, knapp formulierten Sprache vorzustellen, die vor rabenschwarzem Galgenhumor nur so trieft. Scharfsinnige Reflektionen, Rückblenden in ihre schmerzliche Vergangenheit, ihre manchmal verblüffend ehrliche Selbsteinschätzung, all das ergibt eine überaus gelungene Erzählung. Dazu stellt Cantini uns all die schrägen, skurrilen, vom Leben gebeutelten und dennoch aufrecht stehenden Typen vor, mit denen sie sich umgibt und deren Gesellschaft sie sucht und braucht, um ihr Päckchen tragen zu können. Dies zeugt von der pessimistisch geprägten, bodenständigen und menschlich einfühlsamen Beobachtungsgabe ihrer Schöpferin. Daher stört es nicht weiter, dass Verasani den Kriminalfall eher nebenbei abhandelt, denn ihre Giorgia mit all ihren Macken ist selber eine solch schillernde Persönlichkeit, dass deren Einführung allein schon fast einen perfekten Spannungsbogen ergeben würde. Eines ist nach der Lektüre von Verasanis Erstling jetzt schon klar: Ihr weiblicher Private Eye verfügt über Suchtpotential!

Beate Mainka


Grazia Verasani: Briefe einer Toten (Quo vadis, baby?, 2004). Roman. Deutsch von Katharina Schmidt und Barbara Neeb. Goldmann 2008. 246 Seiten. 7.95 Euro.

 

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