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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:31

 

John Harvey: Schlaf nicht zu lange

21.06.2008

Samstag ist Krimitag

Lob des Handwerks

Der letzte Teil der Frank-Elder-Trilogie lehrt noch einmal die Kunst des Kriminalromans. Ein Werk wider die Hightech-Perfektion, ein Beleg der These, dass Denken kein eingebautes Standardfeature literarischer Texte sein kann, sondern zum Lesen gehört wie ein klemmendes „e“ zur Schreibmaschine. Von Dieter Paul Rudolph

 

Wenn früher das „e“ auf der Schreibmaschine klemmte, hat man ein bisschen an der störrischen Type herumgebogen – und gut war’s für die nächsten fünf Schülerzeitungsartikel. Heutzutage schmeißt man am besten die gesamte Tastatur sofort in den Müll, dumm gelaufen für Besitzer von Laptops.

Die Technik der Moderne ist nicht auf Reparatur ausgelegt. Komplexe Modularität, mikroskopisch, multifunktionell, Kaffeemaschinen mit eingebautem Rasenmäher und automatischer SMS-Weiterleitung. Und der Krimi der Moderne? Dito. Mit dem Handicap, dass er manchmal schon von Anfang an Schrott ist und nicht wie seine elektronischen Kollegen wenigstens bis zum Ende der Garantiezeit durchhält. Aber sonst: All-in-one. Das Gänsehautmodul ist mit dem Betroffenheitsmodul verdrahtet, irgendwo hat sich ein Kitschschaltkreis eingeklinkt, der sich von einer Esoterikbatterie ernährt, und die ganze Chose wird durch eine doppelte Gutmenschsicherung vor destruktivem Selberdenken geschützt.

Da lobt man sich das Handwerk. John Harvey, den 70jährigen, einen author’s author, denn wer selbst im stillen Kämmerlein bastelt, weiß die Meister zu schätzen. Schlaf nicht zu lange, der abschließende Band der Frank-Elder-Trilogie, ist ein weiteres gelungenes Unikat. Überschaubare Funktionalität, robuste Technik, ökonomisches, dabei individuelles Fertigungsverfahren – und dass die deutschen Verleger dem Ganzen ein schwachsinnig verlegenes Titelstempelchen aufgedrückt haben und die Übersetzung gelegentlich ein wenig ächzt, dafür kann er nichts. „Darkness & Light“ heißt das Buch übrigens im Original.

Die Geschichte ist beinahe peinlich altmodisch. Frank Elder, der kein Polizist mehr ist, sondern freiwilliger und alleinstehender Ruheständler in der Ländlichkeit Cornwalls, wird von seiner geschiedenen Frau um Hilfe gebeten. Die Schwester einer Freundin ist spurlos verschwunden, ein verwitwetes Hausmütterchen, zu bieder für spontane Exkursionen. Also reist Elder ins früher heimatliche Nottingham und nimmt, in enger Zusammenarbeit mit den ehemaligen Kollegen, die Ermittlungsarbeiten auf. Die Verschwundene war so bieder nicht, sie hatte sexuelle Phantasien und einen Internetanschluss – ja, und dann liegt sie plötzlich in ihrem Schlafzimmer, mausetot und liebevoll inszeniert. Was den Protagonisten an einen ähnlichen Fall erinnert, der sich vor acht Jahren zugetragen hat und ungelöst blieb. Elder ermittelt weiter, mühsam, mühsam.

Langweilig? Nein. Denn der Leser weiß von Anfang an mehr als Elder. Harvey führt ihn in kurzen Kapiteln zurück ins Jahr 1965, zu einem psychisch schwerstgestörten Jungen, den eine Therapeutin ohne größeren Erfolg zu heilen versucht. Wurde der Junge von seiner Mutter verführt? Bildet er sich diese Verführung nur ein? Man weiß es nicht, aber das wissen wir: 40 Jahre später wird dieser nun Erwachsene ältere Frauen – „Mütter“ – töten.Im Laufe der Lektüre verzahnen sich das Wissen des Lesers und die sukzessive gewonnenen Erkenntnisse Elders. Der hat drei Verdächtige im Visier, und das Gemeine daran ist: Jedem von ihnen trauen wir es zu, der Junge von damals zu sein. Dem von sich und der Welt irritierten, sozial verwahrlosten Sonderling, dem protzenden, auf Sadosex abfahrenden Unternehmer, dem ebenso feingeistigen wie von sich selbst eingenommenen Kunstkritiker.
Das ist schon clever gemacht von Harvey. Er rekrutiert den Leser als Hobbypsychologen, serviert ihm drei völlig unterschiedliche Charaktere und lässt ihn vorläufig mit der merkwürdigen Gesellschaft allein.

Produktiver Pfusch

Frank Elder ahnt von alledem nichts, wie auch. Und dann passiert die Sache mit dem klemmenden „e“. Sie erinnern sich? Und wäre „Darkness & Light“ ein Hightech-Produkt, wir könnten es ohne weitere Umstände in die Tonne kicken. Denn Harvey pfuscht jetzt gewaltig. Irgendwie muss er seinen Elder auf die richtige Fährte setzen: das Motiv. Nun ist aber dieser Elder kein Leser, sondern die Figur in einem Roman, und den kann er schließlich nicht selber lesen, um zu erfahren, was wir längst wissen. Aber lesen kann er schon, einen anderen Roman, nämlich Söhne und Liebhaber von D. H. Lawrence. Aus diesem Werk hat sich Harvey schon das Motto für sein eigenes Buch besorgt: „Der Gedanke, die Mutter von Männern zu sein, wärmte ihr Herz. Sie blickte auf das Kind. Es hatte blaue Augen, viel helles Haar und sah gesund aus. Trotz allem stieg heiße Liebe in ihr auf. Sie nahm das Kind zu sich ins Bett.“

Wenn Elder davon wüsste... Er weiß es. Er geht in ein Antiquariat, er greift sich ein Buch aus dem Regal, es ist „Söhne und Liebhaber“. Er liest. Und versteht plötzlich. Er stellt ab sofort die richtigen Fragen an die richtigen Leute und löst den Fall. Furchtbar, nicht? Wie kann diesem erfahrenen Handwerker ein solcher Schnitzer, ein solcher Griff in die deux-ex-machina-Kiste unterlaufen? Andererseits – ist nicht gerade das die ironische Signatur des wahren Meisters? Dass sein Werk eine Winzigkeit „schadhaft“ ist, uns genau das aber zum Zurechtbiegen vulgo Selberdenken zwingt und als Belohnung für den manuellen Eingriff den großen Witz des Einfalls erahnen lässt? In dieser kleinen Antiquariatsszene hat sich Harvey selbst porträtiert, er, der ein Thema für einen Roman brauchte, ein Motiv – und es wie sein kurzfristiges literarisches Alter Ego bei D.H. Lawrence gefunden hat. Nein, das hat schon alles seine Richtigkeit, so wie die komplette Elder-Trilogie ihre Richtigkeit hat. Die Entwicklung des Protagonisten als Hintergrundschwingung, die knappen Dialoge. Sagt Elder „Ja“ oder „Nein“, erzählt es uns mehr als das Gros der Harvey-Kollegen auf fünf inhaltsschweren Seiten. Viele Andeutungen, keine Zurschaustellerei. Was hätten Minderbegabte allein aus dem Umstand, dass Elders Tochter im ersten Teil der Trilogie in den Fängen eines sadistischen Vergewaltigers war, gemacht! Nein, man mag es sich nicht vorstellen. Am Ende wird sich Elder anschicken, aus seiner dreiteiligen Welt zu verschwinden. Dann aber bleibt er stehen und dreht sich um. Starker Abgang, Frank. Danke, dass wir mitspielen durften.

Dieter Paul Rudolph

John Harvey: Schlaf nicht zu lange (Darkness & Light, 2006). Roman. Deutsch von Sophie Kreutzfeldt. Dtv 2008. 428 Seiten. 8,95 Euro.

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