Es war einmal ein Land am anderen Ende der Welt, in dem gab es eine Regierung, die erließ eine Menge Verbote. Es gab keinen käuflichen Sex, man durfte in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken und das Glücksspiel war auch verboten. Doch hielt sich keiner an diese Verbote, am wenigsten die Regierung und ihre Handlanger selbst. So konnte man für Geld und die richtigen Beziehungen alles haben und heimlich regierte jemand ganz anderes – König Alkohol.
Klingt wie ein Märchen über eine Bananenrepublik? Weit gefehlt, der erste ins Deutsche übersetzte Roman des in Australien hoch geschätzten Autors Andrew McGahan (Jahrgang 1966) fußt auf einem Korruptionsskandal, der Ende der 80er Jahre den australischen Bundesstaat Queensland mit seiner Hauptstadt Brisbane bis in seine Grundfesten erschütterte und einer bis ins Mark maroden Regierung ein Ende setzte, die mehr als drei Dekaden lang das Recht zu ihren Gunsten gebeugt hatte.
Der Reiz des VerbotenenGeorge Verney, in den goldenen Zeiten mittelmäßiger Klatsch-Kolumnist und Teilhaber an verschiedenen illegalen Etablissements eines Syndikats einflussreicher Persönlichkeiten, hat den tiefen Fall des Systems relativ unbeschadet überstanden und lebt, inzwischen von seiner schweren Alkoholsucht geheilt, zurückgezogen in den Bergen oberhalb Brisbanes. Zehn Jahre später holt ihn seine Vergangenheit unerwartet ein, als sein früherer Geschäftspartner und Saufkumpan Charlie brutal ermordet in einem Umspannwerk in der Nähe aufgefunden wird. Warum suchte Charlie nach so langer Zeit Georges Nähe? Die Frage führt George zurück in ein verwandeltes Brisbane, um bei den ehemaligen Mitgliedern des Syndikats nach Antworten zu suchen.
Langsam, ganz langsam entwickelt McGahan seine eigentliche Kriminalstory, die erst zur Mitte des Buches an Fahrt gewinnt. Dennoch besticht gerade die erste Hälfte des Romans, denn hier lässt der Autor seinem Ich-Erzähler George ausreichend Raum, seinen Aufstieg und Fall in einer durch und durch korrupten Führungselite zu reflektieren, und das an sich ist schon spannend genug. Jeder einzelnen Figur spürt er genau nach, entwickelt ihre Persönlichkeit und erreicht so eine Plastizität, die fast dokumentarisch erscheint. Schier fassungslos werden wir Zeuge, mit welch unglaublicher Arroganz, Geld- und Machtgier die illustre Gesellschaft, einschließlich ihrer Politiker (eines der Mitglieder des Syndikats ist Minister), die Regeln umgeht, um Nacht für Nacht bei Wein, Weib und Glücksspiel vor allem einem zu huldigen – dem nächsten Drink.
Die verheerenden Auswirkungen regelmäßigen Alkoholmissbrauchs zu beschreiben, das beherrscht McGahan wirklich. Das lässt er George sehr eindringlich selbst erzählen, inklusive des ständigen Kampfes des von seiner Sucht Geheilten gegen die allgegenwärtige Versuchung. Und so ist dieser gelungene, durchaus moralisch zu nennende Roman nicht nur die Aufarbeitung eines unrühmlichen Kapitels jüngster australischer Vergangenheit (McGahan stammt selbst aus Queensland), sondern auch das stimmige Psychogramm eines Süchtigen. Daran kann auch die etwas enttäuschende, fast banale Auflösung am Ende nichts mehr ändern.
Beate Mainka
Andrew McGahan: Last Drinks (Last Drinks, 2000). Aus dem Englischen von Uda Strätling. Verlag Antje Kunstmann 2008. 461 Seiten. 22,00 Euro.