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Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten

05.07.2008

Kommunismus zum Anfassen

Colin Cotterill ist hierzulande ein noch völlig Unbekannter, aber das wird sich wohl bald ändern, denn der erste Band seiner avisierten Serie (im Englischen liegen bereits vier weitere Bände vor) um den in mehrfacher Hinsicht exotischen Dr. Siri Paiboun ist viel versprechend.
Von Beate Mainka

 

Cotterill, Brite Jahrgang 1952, Lehrer, Cartoonist und inzwischen hauptberuflicher Schriftsteller, ist ein Wanderer zwischen den Welten. Vor zwanzig Jahren begab er sich auf eine Weltreise, Rückkunft unbekannt. Er bereist vorwiegend den asiatischen Raum, besonders intensiv Laos und Vietnam, wo er sich auch sozial engagiert, sein momentanes Domizil ist Thailand. Und so wählt er ausgerechnet das uns zivilisierten Mitteleuropäern doch recht fremde Laos des Jahres 1976 zum Schauplatz seines ersten Romans. Der südostasiatische Binnenstaat zwischen Vietnam und Thailand ist nach dem Ende des Vietnamkriegs seit einem Jahr unter kommunistischer Herrschaft und viele Laoten, die das Ende des alten Regimes herbeigesehnt haben, sind bereits gründlich desillusioniert, was sie allerdings nicht davon abhält, sich auch unter der neuen Herrschaft irgendwie durchzuwurschteln – das beherrschen sie bis zur Perfektion.

Pathologe wider Willen

In dieses Umfeld stellt Cotterill seinen nicht mehr ganz taufrischen ehemaligen Feldarzt Dr. Siri, der unter den Kommunisten, statt mit seinen 72 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen, zum einzigen Leichenbeschauer des Landes in die Hauptstadt Vientiane berufen wird. Zusammen mit seinen Helfern, der üppigen Krankenschwester Dtui, die lieber an Leichen herumschnibbelt als alte Schachteln zu pflegen, und Herrn Geung, der ein leichtes Down-Syndrom durch ein phänomenales Gedächtnis mehr als wettmacht, bilden die drei das mit Sicherheit außergewöhnlichste Pathologenteam, das das Licht der Kriminalliteratur bisher erblickt hat. Dazu kommt ein ewig herrschender Mangel an allem Notwendigen, das ein Pathologe zur erfolgreichen Durchführung seiner Arbeit benötigt. Doch Dr. Siri wäre kein Laote, wenn er es nicht meisterhaft beherrschen würde, diesem Mangel ein Schnippchen zu schlagen. Und so halten ihn weder fehlende Lehrbücher und Chemikalien noch die fehlende Praxis nach zehn Monaten Tätigkeit auf dem neuen Posten auf, als der eintönige Berufsalltag jählings unterbrochen wird durch das vermehrte Auftauchen von dahingerafften hochrangigen Parteipersönlichkeiten. Doch wie kamen sie zu Tode und warum verschwinden ihre Leichen teils schon vor Beendigung der Obduktion so plötzlich? Siri wittert Verrat, umschifft gekonnt alle Fallen der aufgeschreckten Staatssicherheit und entdeckt sein Vergnügen an detektivischer Ermittlungsarbeit. Dank der Unterstützung alter, loyaler Parteigenossen und seiner intensiven Träume, in denen ihm die Geister der Verstorbenen hilfreich unter die Arme greifen (Laoten, auch gebildete, sind sehr abergläubisch), stößt er auf ein Komplott, das internationale Ausmaße annehmen könnte.

Cotterill erzählt dies alles im lockeren Plauderton, er wertet nicht, weder politisch noch gesellschaftlich, sondern beschreibt mit hinreißendem Humor und voller Wärme Menschen, die es gelernt haben, mit Wenigem zu überleben und den Hindernissen und Gefahren des Alltags unter den Kommunisten mit asiatischer Gelassenheit zu trotzen. Alle Daheimgebliebenen, denen es nach einem Hauch von Exotik und leichter, aber nicht seichter Lektüre gelüstet, können getrost zu diesem Büchlein greifen, und als Strandlektüre eignet es sich sowieso.

Beate Mainka


Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten (The Coroners Lunch, 2005). Roman. Deutsch von Thomas Mohr. Goldmann Verlag 2008. 317 Seiten.17,95 Euro.

 

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