Ob nun Donna Leons Brunetti, Hansjörg Schneiders Hunkeler oder Bernhard Schlinks Gerhard Selb: Man hat sie lieb gewonnen - die etwas kauzigen Ermittler, die alle Jahre wieder auf oft unkonventionelle Weise ihre Fälle lösen. Nicht wissenschaftlich fundierte Ermittlungsmethoden, sondern ihre "untrügliche Nase", ihr Instinkt und ihre Menschenkenntnis bringen sie oft ans Ziel ihrer Arbeit.
Gerhard Selb ist mittlerweile über 70 und gerade leidlich von einem Herzinfarkt genesen, als ihn Bernhard Schlink in seinen dritten und letzten Fall schickt. So harmlos die Geschichte auch beginnt, am Ende wird es so turbulent, dass sich Privatdetektiv Selb wirklich seinen Ruhestand verdient hat.Autor Bernhard Schlink, habilitierter Jurist und Verfasser des Bestsellers "Der Vorleser", schleift den Leser durch eine tempogeladene Handlung - eine Mischung aus Thriller, Gesellschaftskritik, Vergangenheitsaufarbeitung und Selbscher Lebensbilanz. Es geht wieder einmal um Schuld und Sühne, um Recht und Gerechtigkeit und um Moral und Egoismus.Protagonist Gerhard Selb erhält den Auftrag (anlässlich des bevorstehenden Jubiläums einer Privatbank), die Identität eines stillen Teilhabers aus der Vergangenheit zu ermitteln. Bei seinen Recherchen stößt der Detektiv auf reichlich Ungereimtheiten: Die Frau seines Auftraggebers Bertram Welker ist unter mysteriösen Umständen im Hochgebirge ums Leben gekommen; ein pensionierter Lehrer, der an einer Chronik des Bankhauses arbeitete, stirbt bei einem Verkehrsunfall unter merkwürdigen Begleitumständen; und dann ist da noch Gregor Samarin, der sofort Selbs Misstrauen weckt.Samarin, Sohn einer russischen Dolmetscherin, die bei seiner Geburt starb, ist als Pflegekind in der Familie Welker aufgewachsen und fungiert für Bertram als "Mädchen für alles". Samarin ist auch Drahtzieher der Übernahme der sorbischen Genossenschaftsbank durch das badische Privatunternehmen. Wie sich später heraus stellt, dient die Cottbuser Dependance zur Geldwäsche in großem Stil. Außerdem treibt noch die russische Mafia ihr Unwesen, pöbelnde Skinheads und nicht weniger militante Antifaschisten huschen durch die Handlung, Welkers Kinder werden im Schweizer Internat gekidnappt, einen Polizeikommissar namens Nägelsbach und den karrierebesessenen Mediziner Philipp spannt Selb in seine Ermittlungen ein, und schließlich taucht auch noch ein gewisser Ulbrich auf, der vorgibt, Selbs unehelicher Sohn zu sein.Ziemlich viel Personal und Stoff für nicht einmal 300 Seiten. Am Ende überstürzen sich die Ereignisse: Jener Ulbrich wird plötzlich Direktor der sorbischen Bank; die Vita des im Altersheim lebenden Welker senior erhält noch einige dunkle Flecken; es fallen sogar Schüsse, und Selbs generalstabsmäßig geplante Lösung des Falls erweist sich als Schlag ins Wasser.Gute Unterhaltung muss kein Makel in der Literatur sein, und eine spannende Handlung ist längst noch kein Indiz für Trivialität. Das hat Bernhard Schlink mit seinen Vorgängerwerken nachdrücklich bewiesen. Doch jetzt ufert der Erzählstrom allzu sehr aus: Schlink hat sich nicht mit einem "normalen" Kriminalfall begnügen wollen, sondern er hatte ein großes deutsches Nachwende-Gesellschaftsbild im Sinn - geprägt von Korruption, Profitgier und Ohnmacht der Justiz. Diesem Anspruch mit einem relativ kurzen Kriminalroman gerecht werden zu wollen, ist zwar ein ehrbares, aber gleichzeitig auch ein aussichtsloses Unterfangen. Die vielen nur kurz angerissenen Handlungsnebenstränge mit deren bisweilen schwarz-weiß gemalten Figuren fügen sich nicht zu einer harmonischen Einheit. Durch das von der ersten bis zur letzten Seite dominierende rasante Erzähltempo schaut der Leser zudem stets nur für Augenblicke auf die ständig wechselnden Schauplätze, es eröffnen sich nur Momentaufnahmen, wie kurze filmische Sequenzen, die hastig aneinander geschnitten sind. Den übergreifenden Gesamtblick muss man sich zwischen den Zeilen mühsam selbst erarbeiten. "Selbs Mord" nimmt ein unversöhnliches Ende: Die Gerechtigkeit bleibt auf der Strecke und der größte Schurke der Handlung auf freiem Fuß. Auch Gerhard Selb ist gescheitert, denn sein selbst gestecktes Ziel erreicht er in seinem letzten Fall nicht: "Die Schicksalsfäden dürfen nicht lose herumhängen. Sie müssen in den Teppich der Geschichte gewoben werden." Aber genau das hat auch Bernhard Schlink diesmal nicht geschafft.
Peter Mohr
Bernhard Schlink: Selbs Mord. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2001, 266 Seiten, 39,80 DM (SFR 39,80