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Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung

12.07.2008

Zufällige Identitäten, Rollen und Familiengeschichten

Undifferenzierte Geschlechtereinteilungen sind verachtenswert und auch im Zusammenhang von Kriminalromanen gänzlich unangebracht. Trotzdem sage ich: Jenny Siler schreibt Männerkrimis für Frauen. Denn genau das (aber nicht nur) zeichnet Portugiesische Eröffnung aus.
Von Sabina Schutter

 

Was beim Vorgänger, Ticket nach Tanger, womöglich wegen des Spannungsbogens der Geschichte noch nicht so deutlich wurde, ist hier beim Folgeroman offensichtlich: Eine weibliche Hauptfigur schafft Identifikationspotenzial, wenn sie sich nicht in Schuhfetischismus, Frauenjournalismus oder vermeintlich großstädtischem Lebenswandel ergeht, sondern ein Leben zu leben versucht, das sich weit weg von Stilettos, Shopping und Cocktails bewegt.

Nicole Blake, Fälscherin von Ausweispapieren und allerlei anderen Dingen, hat sich nach einem sechsjährigen Gefängnisaufenthalt in die Legalität zurückgezogen, als sie von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Sie wird vom dem amerikanischen Agenten Valsamis erpresst, ihren Ex-Freund in Lissabon aufzuspüren. Der steht im Verdacht, an der Vorbereitung eines Terroranschlages beteiligt zu sein. Was kurz wie eine mögliche Wiederbelebung alter Gefühle anmutet, endet damit, dass der Ex erschossen wird. Nicole ahnt, dass es hier um viel mehr geht als um Fälschungen. Sie findet schnell den eigentlichen Grund für die Tat heraus, gerät dadurch selbst in Lebensgefahr und flieht. Dabei muss sie erneut die Erfahrung machen, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen kann.

Privat – politisch

Jenny Siler verknüpft Privates und Individuelles mit dem Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Beirut im Jahr 1983 und verbindet ihn mit Geheimdienstaktivitäten, die letztlich zum Ausbruch des Irakkrieges geführt haben. Wegen ihres hohen Erzähltempos und weil sie oft eher Andeutungen benutzt denn Explikationen, gerät Siler nicht in die Falle der großen Verschwörungstheorie.

Ihr gelingt, was bei einem solch politischen Thema angemessen ist: eine Geschichte, die nicht eine Botschaft der Autorin schultern muss. Das Motiv des Nichtwissens und der Identitätsunklarheit, bekannt aus Ticket nach Tanger, wird hier anhand der vagen Erkenntnisse der Frau über ihre Herkunft und ihre Mutter wiederholt. Aber diese Verbindung verbirgt noch mehr: die Mutter, aus Leidenschaft handelnd, hinterlässt ihrer Tochter ein Erbe, das sie nur durch den Abschied von allen Gefühlen und Sehnsüchten tragen kann. Der Tochter Nicole bleibt nur, sich in einer unkontrollierbaren Welt nur auf das eigene Überleben zu konzentrieren.

Die wenig greifbaren Fakten und Hintergründe – eher Ahnungen – und die Doppelbödigkeit der Auftretenden und ihrer Motive geben dem Buch eine straffe Spannung. Gleichzeitig sind es auch die Andeutungen und die vielen Ideen, die gut auf 350 Seiten Platz hätten ohne zu langweilen, die bei diesem schlanken Format manchmal etwas zu vage geraten. An manchen Stellen fehlt die griffige Verbindung der Einzelschicksale, die das Buch aber vielleicht auch zu konventionell hätten werden lassen. Portugiesische Eröffnung hält dennoch, was es verspricht: Ausgezeichnete Unterhaltung, verpackt in eine politisch intelligente Spionagegeschichte, die ohne Zuschreibungen und Kategorisierungen auskommt.

Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund sogar völlig unerheblich, wes Geschlechts ProtagonistInnen sind.

Sabina Schutter


Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung (An Accidental American 2007). Roman. Aus dem Amerikanischen von Susanne Goga-Klinkenberg. Fischer TB 2008. 272 Seiten. 7,95 Euro.

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