Der Kriminalroman hat im Laufe seiner Geschichte eine Vielzahl von Mustern entwickelt, die schier unendliche Variationen und Kombinationen ermöglichen. Andererseits kann es von Vorteil sein, bereits erprobte Schemata zu nutzen und an deren Details zu feilen. Polizeiromane etwa. Man kennt ihre Bauformen genau, man weiß, dass und wie sie funktionieren, man sieht keinen Grund, "Grenzen auszuloten". Etwas Gelungenes kann dennoch dabei herauskommen, so wie
Der perfekte Tod.
Iain McDowall ist hierzulande mit
Zwei Tote im Fluss bekannt geworden, dem ersten Auftritt des Ermittlerteams um Chief Inspector Jacobson, der im nahe Birmingham angesiedelten, wenngleich fiktiven Städtchen Crowby für das Aufklären von Morden verantwortlich ist. Aber so fiktiv, dass es sich der Wirklichkeit entzieht, kann auch Crowby nicht sein. Ging es in
Zwei Tote im Fluss um den täglichen Rassismus, schneidet
Der perfekte Tod einmal quer durch die Gesellschaft, dort vor allem, wo das sogenannte Prekariat das Gesicht nach oben justiert, um auf die zu warten, die aus der Mittelschicht nach unten stürzen. – Oder dem durch ein Verbrechen zuvorkommen.
Es beginnt also ganz unten, in einem Viertel schäbigster Hochhäuser, wo auch Sheryl mit ihren beiden Töchtern lebt. Manchmal nimmt sie Dave, den Barkeeper, über Nacht mit nach Hause. Bringt am Morgen die Kinder zur Schule, und wenn sie zurückkommt, ist Dave verschwunden. Diesmal nicht. Denn Dave dealt nebenbei und soll wegen Unbotmäßigkeit eine Abreibung bekommen. Die beiden Jungs, die dafür zuständig sind, laufen allerdings aus dem Ruder, bringen Dave in Sheryls Schlafzimmer um und stecken die Wohnung in Brand.
Der zweite, noch gräßlichere Fall entwickelt sich aus dem ersten. Während Jacobson and Crew ermitteln, machen wir Bekanntschaft mit der Familie Adams, deren Tochter mit Sheryls Ältester in eine Klasse geht. Adams ist Kleinunternehmer auf großem Fuß und steht kurz vor der Pleite. Auch die Wahl zur "Familie des Jahres" vermag die wirtschaftliche Situation nicht zu bessern – und so kommt es zur Katastrophe.
SondierungenBis sie eintritt, hat McDowall die Grundlagen für einen gelungenen Kriminalroman längst gelegt. Sein Protagonist Jacobson ermittelt erfreulich unaufgeregt, Einblicke in das Privatleben seiner Mitarbeiter halten sich bescheiden im Hintergrund, stattdessen figuriert sich das Tableau des sogenannten Nebenpersonals, wobei selbst die Funktion der Komparserie über die bloßer Stichwortgeberei hinausgeht (sehr schön etwa der ehemalige Hausarzt Adams', dessen kurzer Auftritt ein tragisches Leben in knappsten Strichen nachzeichnet). Es ist eine Welt der Zukurzgekommenen, der Bedrohten, in die McDowalls literarische Sonden vordringen, nicht plakativ, sondern deskriptiv, unter Verwendung einschlägigen Vokabulars ("Flachwichser" etc.), bei dem hiesigen Krimimimis mal wieder das Teetässchen über den abgespreizten kleinen Finger kippen dürfte.
Nichts Neues also; das Altbewährte sorgfältig arrangiert, ein verwickelter, jedoch logisch aufzudröselnder Fall, dessen einzelne Erzählstränge autonom genug sind, selbst Geschichten zu erzählen, aber auch solide genug miteinander verknüpft, um am Ende das Bild einer gefährdeten und in mancher Hinsicht bereits verlorenen Gesellschaft zu zeichnen. British Crimewriting at its best, nur das via Blurb vollmundig geschlagzeilte Versprechen auf der Umschlagrückseite, hier schreibe einer in enger Verwandtschaft zu Reginald Hill, ist natürlich purer Reklameblödsinn und füglich zu ignorieren.
Dieter Paul Rudolph
Iain McDowall: Der perfekte Tod. Roman. (Perfectly Dead, 2003). Deutsch von Werner Löcher-Lawrence. München: dtv 2008. 381 Seiten. 8,95 Euro.