Bitte vergessen Sie für ein paar Minuten alles, was Ihnen die Geschichte der Kriminalliteratur seit Arsène Lupin an "Gentleman-Gangstern", "Meisterdieben" und sonstigen harten Schalen mit weichen Keksen vorgesetzt hat. All diese personifizierten Kompromisse zaghafter Autoren, die dem reinen Bösen immer das letztlich Gute beimengen müssen, um die Sympathie für ihre Protagonisten moralisch rechtfertigen zu können. Wyatt ist anders. Er ist ein Verbrecher, er raubt und mordet (wenn es sein muss), er kennt keine Gefühle und wenn doch, dann entledigt er sich ihrer sofort, er beobachtet seine Umwelt wie ein in die Enge getriebenes Tier seine Jäger, kurz: Wyatt (er hat keinen Vornamen) ist ein ganz normaler Mensch.
In der letzten, bereits 1997 im Original erschienenen Folge des Zyklus begegnen wir ihm dort, wo wir ihn in der vorletzten Episode,
Port Vila Blues verlassen haben. Auf einer Yacht vor der australischen Küste, nach einem tödlichen Showdown, mit der Polizistin Liz Redding im Bett und einer Ration wertvoller Juwelen im versteckten Safe. Wyatt, kein Mann großer Leidenschaften und Gefühle, seilt sich ab – und von jetzt an geht alles schief. Der Juwelencoup klappt nicht, Wyatt entkommt knapp seinen Häschern, ein Mann will ihn aus Rache umbringen und wird selbst umgebracht, und dann taucht auch noch Raymond auf, Wyatts Neffe, der als "Buschbandit" Banken überfällt und gerade in dubiosen Geschäftsangelegenheiten steckt, für die er die Hilfe seines onkels benötigt, der wiederum Geld braucht.
Einen Moment lang hegen wir die Befürchtung, Wyatt sei auf seine alten Tage sentimental geworden. Ein Neffe? Noch dazu einer, dem Wyatt gegenüber so etwas wie Schuldgefühle empfindet? Dreht Disher den Plot jetzt etwa in Richtung "Gaunerpärchen"? Überhaupt kommt die Story ein wenig schleppend in Gang, die bei Serien üblichen Rückblenden und Erläuterungen hemmen den Erzählfluss, es wird ein paar Absätze zu viel retrospektiv gegrübelt. Aber nur vorübergehend. Die vielsträngige Geschichte kommt allmählich auf Touren, wird kunstvoll ver- und entknotet, wieder laufen Dinge aus dem Ruder, die schnöde auf der Yacht zurückgelassene Liz setzt sich ebenso auf Wyatts Spur wie ein mit Raymonds Hilfe entflohener Sträfling. Und dann warten noch ein Schatz auf dem Grund des Meeres und wertvolle Gemälde in einer Galerie auf illegalen Besitzwechsel...
Stützen der GesellschaftDas ist schon in der knappen Zusammenfassung eine Menge an kriminellen Stoff, an unerhörten, nervenzehrenden Begebenheiten - eine dichte Gangstergeschichte eben und wie eine solche les- und genießbar. Oder ganz anders. Denn der Clou an Dishers Wyatt-Romanen ist der, sie nicht als Krimis zu lesen. Unser Held ist ein hart arbeitender, in seinem Tun und Streben an praktisch erprobten Maximen ausgerichteter Mensch, hellwach und ehrenhaft, beinahe moralisch, immer auf der Hut und um den Erhalt seines Broterwerbs bemüht. In seinem Innern mag er ein verquerer Hund sein, ein völlig verklemmter Typ, der aber in einer Welt völlig verklemmter Typen so etwas wie ein sozialökonomisches Gleichgewicht herstellt. Das sind keine Nachrichten aus einer anderen Welt. Hier tut einer das, was wir Stützen der Gesellschaft prinzipiell auch tun, und wäre das Verwalten von Akten, Hochziehen von Mauern oder Unterrichten von Kindern ab morgen illegal, wir wären alle Wyatts, ohne uns groß zu verstellen.
Dass man die Wyatt-Geschichten – und
Niederschlag macht da keine Ausnahme – genau so lesen kann, ohne sie verbiegen zu müssen, macht ihren besonderen Wert aus. Hier wird, was gute Literatur immer tut, etwas gezeigt, das beunruhigt und überrascht, aber so logisch und selbstverständlich rüberkommt, dass man es nicht ignorieren kann. Zugegeben: Alles zugespitzt, Krimi halt, wie er seine Konsumenten so brachial aus der Realität katapultiert, bis sie sich nicht mehr übersehen lässt.
Dieter Paul Rudolph
Garry Disher: Niederschlag. Ein Wyatt-Roman (The Fallout 1997). Deutsch von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master 2008. 262 Seiten. 12,80 Euro.