Seit Lionel Shrivers Roman
Wir müssen über Kevin reden, kann dem Thema meines Erachtens nicht mehr viel hinzugefügt werden. Wer sich auf den bösen Einfluss von Punkmusik, auf das Versagen von Eltern und Lehrern oder andere beliebte Erklärungsmuster fixiert, wird weder der Unfassbarkeit des Mordes an jungen Menschen gerecht, noch der schrecklichen Erkenntnis, dass in jedem Menschen etwas Böses lauern kann.
Klippen …
Einigermaßen gekonnt schrammt Jodi Picoult mit ihrem Roman an diesen Klippen vorbei, allerdings nicht, ohne doch an der ein oder anderen Stelle (fiese Mitschüler, Anpassungsdruck in der Schule) einen Fettfleck zu hinterlassen. Klar, zweifellos kann die Adoleszenz eine Phase von Demütigung, Erniedrigung und sinnlosem Konformitätsverhalten sein. Klar, ohne Zweifel hat auch der fürchterlichste Straftäter Eltern. Unwidersprochen können nach jedem Schulamoklauf fröhlich Ursachen gesucht und Zeichen gefunden werden. Alle auch nur mittelbar Betroffenen fühlen sich nach einer Tat dieses Ausmaßes richtig lange sehr schlecht oder sie sind tot.
Anhand gekonnter Perspektivwechsel schafft es die Autorin also folgerichtig, sowohl den siebzehnjährigen Täter, der in 19 Minuten zehn Mitschüler getötet hat, als auch seine Peiniger - die typischen Oberklassen-Cliquen - menschlich erscheinen zu lassen. Zeitwechsel vor, nach und während der Tat erzeugen einen ordentlichen Spannungsbogen – hier war offensichtlich eine handwerklich versierte Autorin am Werk.
… beliebig …
Allerdings hätte sie die gleiche Geschichte jedoch auch anhand eines Flugzeugabsturzes, einer schrecklichen Krankheit oder eines Serienmörders erzählen können. Zum Thema „Schulattentat“ (der diskursiven Besonderheit, der speziellen Bezüge auf Unschuld und Adoleszenz, der Hinführung auf die Tat) trägt Picoult nichts Nennenswertes bei und belässt es bei einer gewissen Beliebigkeit. Wenn die Autorin die Pfade des gut verkäuflichen Emotions-Krimis verlassen hätte - und die Struktur des Buches deutet darauf hin, dass sie dies hätte tun können - wenn sie die eine oder andere Formulierung etwas weniger glatt gestaltet und den Mut gehabt hätte, Dinge auch unaufgelöst stehen zu lassen, dann wäre der Roman mehr als nur eine nette Urlaubslektüre.
... und überflüssig
An Überflüssigkeit kaum zu überbieten ist das Autorenportrait, das der Verlag offenbar noch anhängen musste – über die Dachkammer, in der die Autorin zu schreiben beliebt und ähnlich interessante Details. Und der Klappentext erzählt uns, dass es ihr wichtig ist, Bücher gut zu recherchieren. Gutes Recherchieren reicht vielleicht für einen historischen Krimi im qualitativen Mittelsegment, nicht aber für ein so brisantes Thema.
Sabina Schutter
Jodi Picoult: 19 Minuten (19 Minutes, 2007). Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Piper 2008. 480 Seiten. 19,90 Euro.