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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:33

 

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

02.08.2008


Schön gestorben

Als Roman vermag Mario Condes neuestes Abenteuer im daniederliegenden Havanna zu beeindrucken. Leider ist es mehr als ein Roman. Es ist ein Kriminalroman. Und als solcher perfekt gescheitert. Warum, das erklärt Dieter Paul Rudolph

 

Im schönen Land der Literatur gibt es eine terminologische No-go-area, ein Begriffsminenfeld, das zu betreten intellektuelle Folgeschäden verursachen kann. Romantisch – sentimental – poetisch: Wörter, die schnell bei der Hand sind, inzwischen aber dermaßen zuschanden konnotiert, dass sie zu nichts weiter mehr taugen als zu sinnentleertem Smalltalk. Dabei handelt es sich um einst ehrwürdige, so gar nicht triviale Begriffe. Eine "Sentimental Journey" war kein Sightseeingtrip mit vollgeheulten Taschentüchern; die "Romantik" hat nicht den Vollmond über der Parkbank aufgezogen; und poetisch? Das verwies einst auf geistige, irritierende, destruktive Tätigkeit und keinesfalls auf jenes vielleicht ekligste und dümmste Bild der Literatur, den fernab der Realitäten am Gänsekiel kauenden, ins Blaue hinein fabulierenden Dichter.

Diese Einleitung musste sein. Denn Leonardo Padura ist ein Meister des in seinen ursprünglichen Bedeutungen romantischen, sentimentalen und poetischen Romans, eine irritierende und angesichts der realgesellschaftlichen Grundlage der Texte geradezu groteske Mixtur. Sie ist Einmischung durch Flucht, Wirklichkeitsbeschreibung durch Erinnern, ein Sieg im Scheitern. Auch Der Nebel von gestern passt in diese mit dem Havanna-Quartett und dem schmalen Adíos Hemingway behängte Galerie großartiger Kriminalliteratur. Sie passt – zu gut.

Gangster und Diktatoren

Wieder begleiten wir den Expolizisten Mario Conde bei seinem existentiellen Hakenschlagen im durch äußeren Druck und innere Fäulnis weiter zerfallenden Kuba. Die materielle Not bekämpft Conde, indem er sich antiquarischen Transaktionen widmet, alte Bücher kauft und mit kapitalistischem Mehrwert verkauft. Den seelischen Trost findet er bei seinen Freunden, Gebeutelte auch sie, Desillusionierte, Hungernde –na, letzteres jedenfalls wird sich in diesem Buch ändern.

Denn Mario Conde ist bei seiner Suche nach verkäuflichem Altpapier auf einen unfassbaren Schatz gestoßen, eine Bibliothek mit den seltensten, hervorragendsten, gesuchtesten Werken nicht nur der kubanischen Literatur, in einer von zwei älteren Geschwistern bewohnten Villa, einst Domizil schwerreicher Herrschaften, heute verfallen wie so vieles. Man kommt ins Geschäft. Conde kauft und verkauft, macht Gewinn, es wird gut gegessen, es wird viel getrunken, die Freunde schwelgen in nie gekanntem Luxus, und alles wäre prima, hätte Conde nicht dieser Zeitschriftenausschnitt gefunden.

Dieser Zeitschriftenausschnitt, den Conde zwischen den Seiten eines seiner bibliophilen Schätze, eines altertümlichen Kochbuchs, entdeckt hat, berichtet vom überraschenden Bühnenrückzug der beliebten Bolerosängerin Violeta del Río. 1960 war das. Die Insel befand sich in der Hand amerikanischer Gangster und einheimischer Diktatoren, der Mann mit dem Vollbart aber walzte schon gen Havanna. Niemand der Heutigen scheint die Künstlerin mehr zu kennen, doch Conde, fasziniert vom Bild der Violeta, macht sich auf die Suche nach ihrem Schicksal.

Realsozialistische Serapionsbrüder

Wann immer sich Paduras Conde aber auf die Suche macht, landet er im Vergangenen. Mit diesem Pfund wuchert der Autor, es ist sein gewichtigstes, er stemmt es mühelos. Auch in diesem Roman. Ergreifend wie immer die Runde der Freunde, die sich fast wie realsozialistische Serapionsbrüder Geschichten erzählen und dabei – Conde hat schließlich Geld – Gerichte aus jenem alten Kochbuch nachkochen. Ein starkes Bild. Immer wieder eingestreut in den Bericht der Conde'schen Suche sind die Briefe einer liebenden, einer hörigen Frau an ihren Angebeteten, der das Land verlassen hat. Schnell wird klar, dass die Enträtselung der verschwundenen Sängerin im Haus der beiden Geschwister zu suchen ist, mit der Bibliothek, ihrer Geschichte, ihren Besitzern zu tun hat. Dann geschieht ein Mord, der einen längst begangenen ans Tageslicht fördert.

Sehr schön. Der Rezensent gesteht, sich den Gegenstand seiner Kritik mit großer Freude angeeignet zu haben, er hat ein Faible für Padura, und Padura präsentiert sich in Bestform, kein Zweifel, hier stimmt alles, greift eins ins andere, erhellt die Vergangenheit das Gegenwärtige und funktioniert es auch andersrum ganz prächtig. Ja; und dann ist das Buch zu Ende gelesen.

Katzenjammer

Und den Rezensenten befällt Katzenjammer. Romantisch – sentimental – poetisch. Wir erinnern uns. Perfekt. Viel zu perfekt. Man ist in die Padura-Romanmaschine geworfen und überwältigt worden, nichts, gar nichts konnte einen mehr überraschen, alles ist nach dem Muster der früheren Romane abgelaufen. Kann schon der Plot eine gewisse Künstlichkeit nicht verbergen (Condes Suche nach Violetta erfolgt ein wenig zu reflexartig, geschäftsmäßig), so offenbart sich die Absicht des Autors, uns einen Original-Padura-Conde-Roman aus dem alten Erfolgskochbuch zu servieren, weiter in expositorischen Schwächen und merkwürdig zusammengeschusterten Sätzen. Der als finster und erbarmungslos eingeführte Zwischenhändler El Palomo etwa agiert im weiteren Verlauf als Condes Schoßhündchen, ein recht harmloser Geselle. Und Sätze wie den folgenden findet man ein wenig zu häufig auf den 359 Seiten: "Als El Conde merkte, dass sein Glied steif wurde, dachte er darüber nach, ob die Jahre sie nicht bereits zu etwas mehr als einem Liebespaar gemacht haben."

Das schwankt zwischen unfreiwilliger Komik und aufgesetzter Sinnhuberei, das ließe sich verschmerzen, wäre es Teil jener Irritation, die Paduras Vorgängerromane allemal auszulösen vermochten. Etwas wehmütig entsinnt man sich des knappen Vorgängerromans Adíos Hemingway, in dem Paduras Kunst auf ihrem Höhepunkt war. Der Nebel von gestern ist dagegen Reprise, die Begrifflichkeiten drohen zu schematisieren, das Ganze wird zum ästhetischen Gebilde, als das "einfache Romane" ohne Widerstand durchgehen mögen. Doch genau das, ein in seiner letztlich eben doch vorhandenen Schönheit konsumierbares belletristisches Unterhaltungsprodukt der gehobenen Art, soll Der Nebel von gestern eben nicht sein. Sondern ein Kriminalroman, was allemal mehr ist. Weniger affirmativ, weniger vorhersehbar (wer den Clou der Geschichte nicht nach der Hälfte der Lektüre erahnt, muss schon sehr oberflächlich gelesen haben), weniger darauf aus, eine Erwartungshaltung zu befriedigen.

Am Ende, wenn alle Wahrheiten auf dem Tisch liegen und der Leser dieses Tableau der Leidenschaften überblickt, wird ihm gewahr, wie fugenlos hier alles ineinander greift. In diesem Augenblick geschehen zwei Dinge gleichzeitig: Man bewundert die Schönheit – und vermisst ihre Narben.

Dieter Paul Rudolph


Leonardo Padura: Der Nebel von gestern (La neblina del ayer, 2005). Roman. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag metro 2008. 364 Seiten. 19,90 Euro.

 

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