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Heinrich Steinfest: Mariaschwarz

09.08.2008

Der ungewohnte Blick auf die Welt

An dieser illustren Stelle war vor einigen Wochen ein Interview von Frank Rumpel mit dem österreichischen Autor Heinrich Steinfest (geb. 1961) zu Wittgenstein und die Welt zu lesen. Steinfests neuer Kriminalroman heisst Mariaschwarz, gelesen hat ihn Beate Mainka.

 

Dass Heinrich Steinfest einen Hang zu skurrilen bis völlig schrägen Handlungsmustern hat, wissen seine Leser zu schätzen. Dafür wurde er mit Ein dickes Fell 2006 für den Deutschen Buchpreis nominiert Dass er in einem raffiniert konzipierten Krimiplot auch noch über Gott und die Welt philosophiert und damit seine Krimis weit über das Normalmaß hinauskatapultiert und wahrhaftig die Bezeichnung Kriminalromanautor verdient, darauf hat er im o.e. Interview zu Recht bestanden. Und sein neuer Roman enthält so viele Wahrheiten, dass es schon den Wiener Chefinspektor Lukastik (den ständig Wittgenstein zitierenden unprätentiösen Ermittler aus Nervöse Fische) braucht, um die eigentliche darunter zu finden. Doch der Reihe nach:

Das österreichische Provinznest Hiltroff zeichnet sich durch zwei Dinge aus, permanent schlechtes Wetter und den Mariensee, dessen Wasser so schwarz ist, dass niemand sich darin zu baden traut und die Bevölkerung ihn kurz Mariaschwarz nennt. An diesem gottverlassenen Ort verbringt der von den Einwohnern misstrauisch beäugte Vinzent Olander seit drei Jahren seine Tage im immer gleichen Rhythmus und in stummer Symbiose mit dem Wirt des ziemlich heruntergekommenen Hotels Hiltroff, Job Grong. Diese nimmt ein jähes Ende, als Grong Olander vor dem Ertrinken rettet und Olander dem Wirt den eigentlichen Grund seines Aufenthaltes anvertraut. Er sucht seine entführte Tochter Clara, deren Spur, die Olander mit der Ausdauer und Zähigkeit eines Bluthundes verfolgt hat, bis nach Hiltroff führte. Hier wartet er seitdem auf ihr Auftauchen. Und noch etwas beendet die trügerische Ruhe im Ort, nämlich das Skelett einer Frau, das ein U-Boot aus den Tiefen des Mariensees birgt und das den Wiener Chefinspektor Lukastik auf den Plan ruft. Bald entdeckt dieser eine Verbindung zwischen der Toten und Olander, weitere Ermittlungen ergeben zahlreiche Ungereimtheiten in Olanders Aussagen und eigentlich geben alle an diesem immer weitere Kreise ziehenden Fall Beteiligten nur die halbe Wahrheit preis. Lukastiks kriminalistischer Spürsinn steht vor einer wahren Herausforderung.

Kriminalliteratur, genussvoll serviert

Das ist es, was einen echten Steinfest ausmacht. Dessen Handlung in einigen kurzen Sätzen beschreiben zu müssen, stellt jeden Rezensenten vor eine echte Herausforderung, so komplex ist sie. Kein pageturner, kein schneller Lesegenuss sofort, nein, die Lektüre eines Steinfest’schen Romans muss man zelebrieren wie den Genuss eines mehrgängigen Festessens, mit viel Zeit und Muße. Erst dann erschließt sich dem Leser die ganze Raffinesse seiner Prosa, die kleinen versteckten Seitenhiebe auf die (vornehmlich) österreichischen Gepflogenheiten, die klugen, philosophischen Schmankerl en passant, der feine, tiefschwarze Humor, die versteckten Hinweise auf frühere Romane (wer ist Anna Gemini? S. 250), die oftmals verblüffenden Bilder. Und das alles wird nicht etwa schwer verdaulich mittels eines komplizierten Sprachduktus serviert, sondern kommt locker-leicht wie ein gelungenes Soufflé daher.

Wenn man nun noch die vielfältige, sorgsam komponierte Mischung an Persönlichkeiten hinzugibt, die den Roman bevölkert, dann erhält man das, was einen gelungenen Krimimalroman ausmacht: eine sorgsame Komposition erlesenster Zutaten, die dem Leser Genuss bereitet und noch lange nachwirkt, vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit dazu.

Beate Mainka


Heinrich Steinfest: Mariaschwarz. Kriminalroman. Piper 2008. 315 Seiten. 16,90 Euro.

 

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