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Bruno Morchio: Wölfe in Genua

23.08.2008


Der Mensch ist des Menschen Wolf

Jean-Claude Izzos Marseille, Cecil Okers Istanbul, Andreu Martíns Barcelona – und jetzt also Bruno Morchios Genua? Ein neuer Schauplatz, ein neuer Autor des Mittelmeer-Krimis? Prüfend angeschaut von Ute Evers

 

Der Fall liegt eindeutig auf der Hand: Der 68-jährige Rentner und Kreditverleiher Giacomino Terenzi wurde im Auftrag seiner bildhübschen Ehefrau umgebracht. Der Tatort: Der Parco del Peralto, am Rande der Stadt. Die Tötungsart: Ein Biss in die Kehle von einem Wolf. Das Motiv: Geld. Terenzi hatte einige Jahre zuvor eine horrende Lebensversicherung bei der CarPol-Versicherung abgeschlossen, die es nun an die über 30 Jahre jüngere aus Panama stammenden Witwe auszuzahlen gilt. Ein leichtes also für den Privatdetektiv Bacci Pagano, der von CarPol den Auftrag erhält, die Nachforschungen über den Mord aufzunehmen?

Den Spießrutenlauf gegen eine korrupte Presse und die mit der CarPol in Verbindung stehenden Personen nimmt Bacci zusammen mit seinem langjährigen Freund Salvatore Pertusiello, dem Vicequestore auf, „einer der wenigen Polizeikommissare, die sich zur Linken bekennen und auch im 21. Jahrhundert noch an den Klassenkampf glauben“. Ob der moralisierende Idealist Pertusiello und der pragmatisch denkende „quasi-Kommunist“ Bacci politisch konform sind, sei dahingestellt. Worin sie sich indes einig sind, ist der Wunsch, dass die Panamaerin mit den „pechschwarzen Augen“ nichts mit dem Mordfall zu tun haben möge. Doch genügt es der bestechenden Schönheit, um die vielen Indizien auszublenden? Oder reichen eine Million Euro nicht vielmehr dazu aus, einen Menschen von einem canis lupus zerfleischen zu lassen, um sich mit dem gleichaltrigen Liebhaber abzusetzen? Immerhin kein Pappenstiel, gibt auch der schwärmerische Pertusiello zu.
Das Blatt wendet sich im letzten Moment in eine nie vermutete Richtung. Bacci verlässt Genua schließlich in einer wahren Nacht-und-Nebel-Aktion, um dem Täter auf die Spur zu kommen, darauf vertrauend, dass Pertusiello ihm im richtigen Moment zur Seite stehen wird...

Die Ratte von Genua

Neben dem Ich-Erzähler Bacci Pagano gibt es eine zweite Hauptfigur und die ist, darin besteht kein Zweifel, Genua selbst: die stolze Stadt am Meer mit ihren zwei Gesichtern, je nachdem, ob der vom Meer kommende Schirokko oder der aus den Bergen wehende Tramontana durch die Straßen der Stadt bläst. Genua, die schillernde Hafenstadt mit ihren vielfältigen wohl- oder übelriechenden Gerüchen, den zahlreichen „Spekulationsobjekten aus den berühmt-berüchtigten Sechzigerjahren“ und einem Potpourri aus italienisch-genuesischem, afrikanischem und südamerikanischem Flair, die die Sinne des Privatdetektivs Bacci Pagano erst richtig schärfen: „Der Geruch legte sich auf meine Haut, sickerte langsam in meine Seele und verbannte die bleierne Müdigkeit aus meinem Körper... Das Brackwasser war mein Element. So war ich eben, und so werde ich immer sein: wie eine Ratte. Bacci Pagano, die Carruggi-Ratte.“

Trotz aller Sympathie für den stets durch die Gassen Genuas umherstreifenden Detektiv, könnte Bacchi als unverbesserlicher Macho bei der einen oder anderen Leserin in Ungnade fallen. So stellt er einmal fest, dass „gegen Einsamkeit ein guter Tropfen wirksamer (ist) als eine Frau. Wein kann man ohne weiteres altern lassen, ohne dass er schlechter wurde, im Gegenteil.“ Gewiss, Bacci Pagano hat es mit seinen vielen Frauen nicht einfach. Ob es sich nun um seine Ex-Frau Clara handelt, die seit zehn Jahren ein Wiedersehen mit der gemeinsamen Tochter Aglaja verhindert oder um Dottoressa Mara Sabelli, seine (Ex)-Geliebte und „Serienkiller der Gefühle“ oder auch um seine exotische Haushaltshilfe Zainab, die zusammen mit ihrem Sohn Essam seine Familie bilden, immer wieder tun sich Konfliktherde auf, die er nicht zu löschen vermag.

Die Menschen von Genua

Bacchi bleibt –auch hier ein kleiner schwarzer Fleck in seiner Seele – entgegen seiner Toleranz allem Fremden gegenüber, ein Kind seiner sozialen Herkunft bzw. Erziehung. Das zeigt sich insbesondere in der Immigrationsthematik, im Übrigen ein Leitmotiv in den Genua-Krimis. Denn obwohl Bacci den Kontakt zu den „Arabern, Schwarzen und Hispanos“ regelrecht pflegt, lässt es sich dennoch nicht leugnen, dass seine Metaphorik von einer eurozentristischen Wahrnehmung geprägt ist: „Sie ist eine eindrucksvolle Erscheinung, wie alle Nubierfrauen. Ihre eleganten und geschmeidigen Bewegungen erinnern an die wilden Tiere ihrer Heimat.“ Der Schriftsteller Bruno Morchio, 1954 geboren, lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt Genua auch als Psychologe und Therapeut, biografische Details, die darauf schließen lassen, dass es sich bei derart klischeehaft anmutenden Bildern um ein bewusst eingesetztes Stilmittel des Autors handeln muss. Letztlich machen diese Eigenschaften Bacci zu einer zwar streitbaren, aber menschlichen Figur.

Was macht den Roman so lesenswert? Der Fall? Die Spannung? Nun, ein Krimi, der einen das Fürchten lehrt, ist es weniger. Unbestritten hingegen ist die Sinnlichkeit, Genua in einer zwar schlichten aber pointierten Sprache spürbar, riechbar, erlebbar zu machen. Mehr noch der Drang, sich einerseits im Schattenreich der Gassen der Carruggi zu verlieren, und andererseits die gute genuesische Küche zu goutieren, wird in diesem zweiten Band größer denn je. Und das verdanken wir der unverbesserlichen „Carruggi-Ratte, Bacci Pagano“.

Ute Evers


Bruno Morchio: Wölfe in Genua (Maccaia. Una settimana con Bacci Pagano, 2004) Roman. Deutsch von Ingrid Ickler. Unionsverlag metro 2008. 288 Seiten. 16.90 Euro.

 

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