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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:33

Klassiker-Check: Sjöwall/Wahlöö

23.08.2008

Kluge Autopsie jener Jahre der Hoffnung

Im Klassiker-Check heute: Die zehn Martin-Beck-Romane von Sjöwall/Wahlöö - Ein Fachgutachten von DIETER PAUL RUDOLPH

 

Die Übersetzungen sind lieblos bis grauenhaft und es holzhämmert politische Botschaften. Am schlimmsten aber plagt uns die Nachhaltigkeit. Bittere Jahre des Schwedenschwurbels von Henning Mankell bis Stieg Larsson, Blaupausigkeit ohne Ende, bis heute. Fazit: Ein Meilenstein der Kriminalliteratur – und aktueller denn je.

Zehn Romane setzte das Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö zwischen 1965 und 1975 (in deutschen Übersetzungen 1968 – 1977) in eine turbulent bewegte Welt. Mit den heute so beliebten und beliebigen „Serien“ hatten sie wenig gemein, die Fälle der Stockholmer Mordkommission um Martin Beck waren im Grunde ein einziger, großer Roman, der an die Stelle von Langatmigkeit den langen Atem setzte. Der Krimi als Instrument politischer Aufklärung und Agitation, ein Sittenbild in Verbrechen und gesellschaftlichen Verwachsungen.

Das Personal

Formal und dramaturgisch stehen die zehn Beck-Krimis als Polizeiromane in der Tradition von Ed McBains 87. Polizeirevier, das Wahlöö ins Schwedische übersetzt hatte. Intentional jedoch entpuppen sie sich als Pamphlete gegen „die Versumpfung der Sozialdemokratie“ (Maj Sjöwall), gegen die in immer finsterere Zustände abgedriftete Vision des „Volksheims“, eines in aller Welt bewunderten und zum demokratischen Vorbild erkorenen Modells.

Die Entwicklung der Mannschaft um Kommissar Martin Beck gibt, von Roman zu Roman kulminierend, zugleich die gesellschaftspolitischen Zuspitzungen wieder. In Die Tote im Götakanal, dem ersten der Fälle, lernen wir fleißige und biedere Beamte kennen, die scheinbar unbeeindruckt von der Welt, in der sie leben, dem Ethos Arbeit huldigen und einen verzwickten Mord aufklären. Ihr Credo: Teamarbeit. Hartnäckiges Ablaufen von Spuren, die in Sackgassen enden, Enttäuschungen, Neubeginn und finaler Erfolg. Die Charakterisierung des Personals erfolgt knapp, beinahe lakonisch. Der eine liest gerne über historische Seeschlachten, der andere hat eine hässliche Frau und ein blendendes Gedächtnis, wieder ein anderer stammt aus gutem Hause und verachtet die guten Häuser. Figuren wie Schemen, angenehm präzise, ausbaufähig.
Es ist wohl zunächst die Vertrautheit dieses Szenarios, der die Romane ihre bis heute zu konstatierende Popularität verdanken. Menschen bei der täglichen Arbeit, keine Helden, keine Superbullen, keine Ausgeburten philosophischen Tiefsinns.

Doch diese Normalität mit ihrem Hohelied auf das Werktätige (sie erreicht ihren Zenit im vierten Fall, Endstation für Neun) kommt von Roman zu Roman bedenklicher ins Wanken, die Personen entfremden sich von ihrem Tun, weil sie allmählich die Wirklichkeit hinter der Fassade des schwedischen Sozialstaats erkennen. Die Polizei militarisiert sich, fachliche Luschen gelangen an die Schalthebel, protegiert von faschistischen Hintermännern in trauter Eintracht mit dem Kapital.

Das hat Auswirkungen. Einige werden zu Zweiflern, zu Zynikern, einer von ihnen wird schließlich den Dienst quittieren, weil er das Adorno’sche richtige Leben im falschen nicht mehr zu führen vermag. Andere wiederum nehmen die Dinge stoisch zur Kenntnis. Beck selbst steht dazwischen, ein vorbildlicher Kriminalbeamter, der doch im Privaten längst weiß, welch dubiosen Herrn er eigentlich dient. Er gibt den Archetypus des denkenden Zahnrädchens im Getriebe, ein Zerrissener, der diesen Zustand als der Welt gemäß akzeptiert hat.

Im letzten Roman, Die Terroristen, agieren die einstmals braven Wiederhersteller von Recht und Ordnung als längst emanzipierte und doch hilflose Maschinen in einer aus dem Ruder gelaufenen Gesellschaft. Desillusionierte Idealisten, Helfershelfer wider Willen.

Die Geschichten

Verbrechen geschehen und werden aufgeklärt. Diesem konventionellen Muster von Kriminalliteratur sind die ersten fünf Bände der Reihe verpflichtet. Der sechste Band, Und die Großen lässt man laufen, verweist indes schon deutlich auf die „wahren Verbrechen“, die nicht justitiablen, systemimmanten. Ein armes Schwein, arbeitslos geworden und vor den Trümmern seiner Existenz stehend, tötet denjenigen, der ihn entlassen hat. Im siebten Band, Das Ekel von Säffle, wird noch offensichtlicher, wo Sjöwall/Wahlöö das Böse suchen. Wieder tötet einer, der Opfer geworden ist, SEIN Opfer ist ein sadistischer Polizist, dieser wiederum Platzhalter eines zutiefst menschenverachtenden Systems. Bei der Festnahme des Täters wird Beck schwer verletzt. Als er nach einem knappen Jahr wieder den Dienst antritt, haben sich die Dinge endgültig gewandelt. Die Verbrechensaufklärung vexiert zur Zufallsnummer, die einen kommen davon, weil andere für ihre Verbrechen bestraft werden, während die Verbrechen dieser anderen ungesühnt bleiben. (Verschlossen und verriegelt). Im neunten Band, Der Polizistenmörder, begegnen wir gar zweien der Täter aus den Vorgängerromanen wieder. Sie haben gebüßt, sie sind „normale Menschen“ geworden, das Böse befindet sich längst auf einem anderen, allgemeineren Niveau, eine Bestrafung ist unmöglich.
Die letzten drei Bände der Reihe sind, was die Konstruktion ihrer Plots angeht, hochkomplexe Gebilde, unauflösbare Knäuel aus privaten und öffentlichen Abläufen. Ordnungen werden obsolet, beliebig, die Feinde stehen immer dort, wo man sie nicht vermutet.

Der Humor

Wer sich über die Wechselwirkungen zwischen dem Tragischen und dem Lustigen kundig machen möchte, dem seien die Beck-Romane als eine Genese des Humors aus seinen Schmunzeltiefen bis in die Höhen subversiven Klamauks wärmstens empfohlen. In den frühen Bänden sind es noch zwei ebenso faule wie dumme Streifenpolizisten, deren Slapstickauftritte die atmosphärische Tristesse der Geschichten auflockern. Später, in Der Polizistenmörder, wird einer von ihnen an einem Insektenstich sterben und der Unglücksfall satirisch zum landesweit geschlagzeilten „Mord“ erhoben werden. Verschlossen und verriegelt gar kommt als eine Ansammlung von Laurel & Hardy-Szenen daher und Die Terroristen ist ein bis zur Groteske zurechtgebogener Roman mit ironietriefendem finalen Clou.

Die Wirkung

Außerhalb Schwedens, vor allem auch in Deutschland, wurden die Beck-Romane stilbildend wie kaum Kriminalliteratur vor ihnen. Der verpönte Krimi als gesellschaftspolitisches Vehikel, die Entzauberung scheinbarer sozialer Gerechtigkeit als nur notdürftig kaschierter Faschismus, das alles in den Lebensläufen einer Gruppe von Polizeibeamten nachgezeichnet – keine Frage: Ein Zeitnerv war getroffen. Mit zum Teil katastrophalen Konsequenzen.
Denn was Sjöwall/Wahlöö geradezu traumwandlerisch gelang, die Verzahnung der Biografien einer Gesellschaft und ihrer Menschen, das manifestierte sich in der Folge als „deutscher Soziokrimi“ ödesten Angedenkens, vor allem jedoch als Anstoß eines zweiten Schwedenkrimibooms, der die große Collage des Ahnenduos in mechanisch montierbare Versatzstücke zerlegte, bis zur Lächerlichkeit und zur wohlfeilen „korrekten Botschaft“ anspitzte und einem fleißig schaudernden und affirmativ betroffenen Konsumpublikum vorsetzte.
Positive Ausnahmen sind rar; am ehesten atmen Leif G.W. Perssons Bücher noch den aufklärerischen Geist ihrer großen Vorläufer, was nicht verwundert, denn Persson ist ein Polizeiinsider, dessen aktuelle Analysen die Sjöwall/Wahlöös auf geradezu unheimliche Art bestätigen.

Die Zukunft

In den 80er, mehr noch in den 90er Jahren festigte sich zwar der Klassikerstatus von Sjöwall/Wahlöö, ihr politischer Impetus, die im Wortsinn kunstlos in die Texte gepfählte politische Botschaft geriet indessen zum antiquierten Ballast. Sjöwall und Wahlöö hatten ihre Romane aus der Perspektive einer sozialistischen Weltanschauung geschrieben, sie wollten nicht nur aufklären, auf ihren Fahnen stand die politische Agitation. Sie waren durchaus demagogisch, übertrieben und verwendeten Zerrbilder, um die innige Verquickung von Kapitalismus und Faschismus zu offenbaren.

Mit dem Niedergang des real existierenden Sozialismus schienen die Botschaften der beiden Schweden endgültig ad acta gelegt; lässliche Makel ihrer Entstehungszeit. Doch das genaue Gegenteil war der Fall. Vieles von dem, was Sjöwall/Wahlöö in den 60ern und 70ern beschrieben, entfaltete sich unter dem Zeichen der „New Economy“, der Globalisierung, des Neoliberalismus zu seiner vollen Blüte. Der avisierte totale Überwachungsstaat kehrte ebenso zurück sowie das Elend der auf frühkapitalistische Bedingungen zurückentwickelten „Prekären“: bei Sjöwall/Wahlöö vereinsamte Frührentner in Der Mann auf dem Balkon, um ihre Existenz gebrachte Arbeiter und Angestellte in Und die Großen lässt man laufen, Hundefutter essende Rentner (Verschlossen und verriegelt) oder Opfer der zu zynischer Gleichgültigkeit eskalierenden „sozialen Fürsorge“ (Die Polizistenmörder, Die Terroristen ).

Beurteilt man die zehn Romane nach den üblichen literarischen Kriterien wie Sprache oder „dichterische Feinarbeit“, müssen sie zwangsläufig enttäuschen. Doch gerade das macht sie zu Paradigmen einer Genreliteratur, die mit anderen als akademisch abgesegneten Mitteln ihre Ziele erreicht. Die Beck-Romane sind also auch ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Emanzipation dessen, was noch immer unter dem Label letztlich trivialer, auf Spannung getrimmter Unterhaltung durch Feuilletons, Seminare und die Lesestuben intellektuellen Scheintotseins geistert. Sie sind nicht weniger als eine scharfsinnige, wenngleich überwiegend mit grobem Werkzeug vorgenommene Autopsie jener Jahre der Hoffnung, einer Hoffnung, die schneller zerstob als es uns ihre Protagonisten weismachen wollen.
Dass Rowohlt eine neu übersetzte und mit Nachworten versehene Neuauflage der Serie plant, wird erfreut zur Kenntnis genommen.

 

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