Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der Schweizer Diogenes-Verlag auch herrliche Hörbücher in seinem Katalog führt – eingepackt in wertige Pappschuber, visuell ansprechend präsentiert mit dem typischen Diogenes-Layout und von exzellenten Sprechern eingelesen.
Ganz ähnlich verhält es sich auch mit der Hörbuchfassung des Dürrenmatt-Klassikers
Das Versprechen; ein Requiem auf den Kriminalroman, das gleichzeitig einen Weg in die Zukunft des Genres wies – eine hoch-intelligente Reflexion über Grenzen und Möglichkeiten des kriminalistischen Romans traditioneller Prägung: „(...) in euren Romanen spielt der Zufall keine Rolle (...); die Wahrheit wird seit jeher von euch Schriftstellern den dramaturgischen Regeln zum Fraße hingeworfen“. So folgt denn auch „Das Versprechen“ nur bedingt einer kausal-begründeten inneren Logik: Schließlich ist „der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen.“
Die Absurdität des KriminalromansDie Geschichte des Kriminalbeamten Matthäi ist jedoch nicht nur eine romangewordene Krimipoetologie, sondern auch die unerbittlich scharfe Beobachtung einer menschlichen Tragödie. Der beste Kriminalist der Zürcher Polizei, ein rationaler Aufklärer vor dem Herrn, verliert nahezu den Verstand am Fall des ermordeten Mädchens Gritli Moser. Um weitere Morde zu verhindern, gibt er sein bisheriges Leben auf und stürzt sich in einen aussichtslosen Fall, der ihn zum Helden machen könnte – ihn aber als Gescheiterten zurücklässt.
Dürrenmatt verzahnt die Erzählung vom Untergang des modernen Widergängers des Kleistschen Gerechtigkeitsfanatikers Kohlhaas mit einer poetologischen Rahmenhandlung, die geschickt das Genre selbst in Frage stellt: Ein bekannter Schweizer Kriminalautor hält in Chur eine Vorlesung über die Gesetze des Kriminalromans – wobei sich die Zuhörer jedoch stärker von einer gleichzeitig stattfindenden Vorlesung über den alten Goethe angezogen fühlen – und gerät dabei an Dr. H., den ehemaligen Chef der Zürcher Kantonspolizei. H. zeigt ihm die im Genre selbst begründete Absurdität des Kriminalromans auf: Der Leser dürstet nach Lösungen, nach kausalen Zusammenhängen, nach Dramaturgie, Helden usw. All jenes aber habe die Wirklichkeit in den meisten Fällen nun gerade nicht zu bieten, wie der Fall seines besten Mannes, Herrn Dr. Mattheis, beweise.
Der Rhythmus stimmt!Dieses dichte Geflecht von Erzählstrukturen wiederzugeben, ohne dabei der Gefahr eines eindimensionalen, bruchfreien Lesens zu erliegen, ist in der Tat eine nicht allzu leichte Aufgabe. Der erfahrene Schauspieler und Sprecher Hans Korte hat sie so gut wie nur möglich gemeistert. So kann „Das Versprechen“ in seiner perfiden Doppelbödigkeit seine volle Wirkung entfalten – als spannender literarischer Kriminalroman und als hochgradig reflektierte poetologische Diskussion um denselben. Unaufdringlich moduliert Korte zwischen den verschiedenen Erzählkontexten hin und her, verschiebt nur leicht die Akzente, hält alles im Fluss und macht doch gleichzeitig die Abgründe des Textes kenntlich. Korte bringt Dürrenmatts nüchtern prosaische, an die großen Amerikaner angelehnte Sprache zum Leuchten, enthält sich großer Gesten und aufreizender Kommentare – der so typische Dürrenmattsche Rhythmus bleibt jederzeit erhalten.
So hat der geneigte Hörer die Gelegenheit diesen 50 Jahre alten Text in seiner vollen Bandbreite neu zu entdecken; als Parabel über das menschliche Streben nach Gerechtigkeit und als hochaktuelles, über das Projekt der Moderne hinausweisendes Spiel mit Gattungen und deren Grenzen.
Sebastian Karnatz
Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen. Ungekürzte Lesung. Gelesen von: Hans Korte, 4 CDs, Spielzeit: 257 Minuten. Diogenes 2006. Preis: ca. 24,90 Euro.