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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:33

 

Iain Levison: Tiburn

30.08.2008


Ein netter Spaziergang

Unter den Blinden ist der Einäugige... genau. Iain Levisons Tiburn ist ein Krimi, bei dem der Leser zwangsläufig ein Auge zukneifen muss, ob er will oder nicht. Der Autor nämlich will es so und sein Diktat gilt, findet Dieter Paul Rudolph

 

Tiburn spielt im titelgebenden Universitätsstädtchen, dem Geschichtsprofessor Elias White gerne Richtung Harvard entkommen würde. Dazu allerdings braucht er wissenschaftliche Reputation, die er durch provokante Thesen zu erwerben gedenkt. Folgerichtig beginnt der Roman mit der Behauptung: „Hitler hatte recht.“ Und weil er mit „Alles hat sich für alle zum Guten gewendet“ ausklingt, dürfen wir auf seltsame Ereignisse hoffen.

Die gibt es auch. Ein Bankräuber, Dixon, hochintelligent und angeschossen, gelangt auf seiner Flucht nach Tiburn, beobachtet White beim Sex mit einer Minderjährigen, erpresst ihn damit und nistet sich in des Professors diskretem Häuschen ein. Irgendwann erscheint auch FBI-Agentin Denise Lupo in Tiburn, sie ist Dixon auf den Fersen, und schon haben wir für den Rest der Story unser munter agierendes Trio beieinander.

Ja, doch: Sie handeln recht kurzweilig, unsere Drei. Ein ehrgeiziger und skrupelloser Prof. als Cicerone durch die universitäre Ränkeschmiede, eine ihres Frauseins wegen auf dem Karriereabstellgleis schmollende Polizistin, ein kluger Gangster (ohne Zweifel die sympathischste Person des Buches), der Mäckie Messers Lebensweisheit von der Gründung einer Bank als der besten Methode ihrer Beraubung philosophisch ventiliert. Alles ganz flüssig zu lesen, lustig, ironisch, the american way of everyday life in ordentlichen Portionen als Sättigungsbeilage. Ein Prachtstück für den gehobenen Krimilektüregeschmack mit eingeschaltetem Gehirn.

Hirnjogging …

Und doch: Irgendwie erinnert Tiburn an einen Trainingsparcours zur Steigerung geistiger Fitness. Alles ist minutiös und akribisch vorbereitet, die Teilnehmer erwartet ein intellektuell ausgewogenes, stets in jenen Grenzen ablaufendes Programm, die die kultivierte Geistesarbeit von ihrer wilden Schwester, dem Selbstdenken, abzäunt. Drei Menschen, die mit ihrem Jetzt nicht zufrieden sind, spielen ein wenig mit den Realien – und die Leser spielen entzückt mit. Immer im intendierten Rahmen, natürlich, etwas anderes ist auch gar nicht möglich. Professor White gibt das ehrgeizige Charakterschwein, Lupo die pragmatische Kriegsgewinnlerin, der arme Dixon den willkommenen Anlass für die beiden, ihrem Leben eine Wendung zu geben. Sie sind, alle drei, Spielfiguren, die Züge werden vorgegeben, die Leserschaft darf sie nachstellen, als wäre Tiburn ein Schachbuch. Das hat was. Denken mit Netz.

Ein wenig erinnert Tiburn an Der langsame Tod der Luciano B. von Guillermo Martínez, ein ähnlich spannungsmathematisch kalkuliertes Werk, hermetisch abgeschottetes, makelloses Reihenhaus im Intellektuellenviertel des Genres.
Wem das genügt, wenn er Krimis liest, dem sei der Roman Levisons uneingeschränkt empfohlen. Er enthält schöne Sätze, schöne Überraschungen, schöne Sottisen, schöne Beschreibungen, überhaupt ist alles furchtbar schön. Doch für diejenigen, die gerne über den Zaun dessen, was ihnen der Autor da eingezäunt hat, hinausschauen wollen, ist er auch das: Schön vorhersehbar.

Dieter Paul Rudolph


Iain Levison: Tiburn (Dog eats dog, 2006). Roman. Deutsch von Hans Therre. Matthes & Seitz 2008. 254 Seiten. 18,80 Euro.

 

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