Lewis Aldridge bildet mit seiner Mutter eine perfekte Einheit, als der Vater 1945 aus dem Krieg heimkehrt. Die langsame Annäherung von Vater und Sohn findet ein jähes Ende, als Lewis’ Mutter bei einem Badeunfall ertrinkt – einziger und hilfloser Zeuge ist der 10-Jährige. Schuldgefühle und eine vom Willen nach Normalität geprägte Sprachlosigkeit des Vaters lassen den Jungen verstummen, den unsichtbaren Kokon um ihn kann auch die neue, sehr junge Frau des Vaters nicht sprengen. Einzig die jüngere Nachbarstochter Kit, selbst eine durch die ständigen Prügelattacken des nach außen wohlsituierten Vaters verletzte Seele, steht zu ihm. Lewis begegnet der Einsamkeit und Leere in seinem Inneren mit Selbstverstümmelung und Alkohol, bis der Leidensdruck eines Tages – da ist er 17 – so übermächtig wird, dass er die Kirche, dieses Symbol für die verlogene Scheinheiligkeit der englischen Landbewohner, in Flammen aufgehen lässt. Zwei Jahre Haft verändern Lewis nicht wirklich, seine Rückkehr ins heimatliche Dorf führt zu einer Eskalation von Gefühlen, die letztlich erneut in Gewalt münden – mit kathartischer Wirkung.
Die grüne HölleVerlogenheit, Sprachlosigkeit, Verdrängung, Vorurteile und unendliche Langeweile sind die Komponenten, die die Adoleszenz des Lewis Aldridge prägen und Sadie Jones spürt den Gedankengängen und inneren Entwicklungen ihres Protagonisten genauestens nach, kommentiert noch durch Perspektivwechsel in der auktorialen Erzählweise.
Erst der Blick von außen offenbart das ganze Dilemma, in dem Lewis, aber auch die geschlagene Kit, scheinbar unentrinnbar stecken. Es gelingt Jones meisterhaft, das Verhalten ihrer Figuren psychologisch plausibel zu machen, indem sie nicht wertet, sondern um Verständnis wirbt. Damit bekommt der Roman Aktualität, denn emotionale Verwahrlosung und das Fehlen von liebevoller Erziehung, die sich häufig in Alkoholmissbrauch und Ritzen ausdrücken, prägen auch heute das Erwachsenwerden vieler Kinder. Doch die Welt der Erwachsenen bietet keine Sicherheit, denn deren gerade auf dem Lande besonders ausgeprägten gesellschaftliche Konventionen bieten beste Tarnung und effektiven Schutz für Übergriffe auf die Heranwachsenden, seien sie handgreiflicher oder sexueller Art. Das Bedürfnis, den Schein zu wahren, überlagert alles und wehe dem, der sich ins Abseits begibt, absichtlich oder ungewollt.
Dass Jones dies alles ganz konventionell und in kurzen, fast atemlosen Sätzen erzählt, beeinträchtigt das Niveau ihrer Erzählung keineswegs, zumal Brigitte Walitzek, die auch schon Margret Atwood oder Virginia Woolf übersetzt hat, den richtigen Ton bei ihrer Übertragung ins Deutsche getroffen hat.
Und wer jetzt noch eine Motivation braucht, um diesen in Großbritannien zum Bestseller avancierten Roman zu lesen, dem sei die Homepage des Schöffling-Verlages empfohlen, auf der ein preisgekrönter
Filmtrailer für den Titel wirbt.
Beate Mainka
Jones, Sadie: Der Außenseiter (The Outcast, 2008). Roman. Deutsch von Brigitte Walitzek. Schöffling & Co. 2008. 410 Seiten. 22,90 Euro.