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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:34

 

James Sallis: Deine Augen hat der Tod

06.09.2008

Über dem Leben schweben

Ein Agententhriller der anderen Art, gewürzt mit kulturwissenschaftlichen Zugaben, gleichermaßen faszinierend wie irritierend. Als leichte Lektüre zwischendurch nicht geeignet. Die Neuveröffentlichung des 1999 schon einmal (damals bei Dumont) erschienen Romans bedenkt Anselm Brakhage

 

Der geheimnisvolle (dem Original entsprechende) Titel lässt es vielleicht schon ahnen: James Sallis, in diesem Jahr ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis (für Driver) macht es einem nicht leicht bei der Lektüre seines ungewöhnlichen Thrillers.

Ist die Ausgangskonstellation noch durchaus typisch für eine Agentenstory, so nimmt einen Sallis im weiteren Verlauf mit auf eine doch mitunter irritierende Reise: David, ehemals hochkarätiger politischer Agent zu Zeiten des Kalten Krieges, ist vor sieben Jahren aus seinem „Leben auf der Schneide“ ausgestiegen und hat sich inzwischen behutsam einem wenn auch nicht gerade bürgerlichen, aber doch unvergleichlich ruhigeren Leben als Künstler zugewandt, in einer festen Liaison mit Freundin Gabrielle. Eines Nachts holt ihn die Vergangenheit aber urplötzlich ein: Sein ehemaliger Auftraggeber bedrängt ihn, sich auf die Suche nach einem Exkollegen zu machen, der einer Folge von Gewaltverbrechen bezichtigt wird. David zögert keinen Moment und folgt dem dubiosen Ruf.

Abgehoben …

Fortan folgen wir einem zwar klassisch angelegten Roadmovie, das aber kaum kausalen Gesetzmäßigkeiten zu folgen scheint und trotzdem – und das ist ein ganz erstaunliches Merkmal dieses Buchs – einem gewissen roten Faden folgt: Nachrichten erreichen David wie vom Himmel fallend an den entlegensten Orten, scheinbar zufällige Begegnungen fungieren als Überbringer wesentlicher Botschaften, Angriffe von Verfolgern werden wie selbstverständlich mit leichter Hand abgewehrt; eine Reise, scheinbar ohne Richtung, und doch ferngesteuert einem Ziel folgend. Zwischen die einzelnen Reisestationen werden immer wieder kritische Rückblicke und kurze Reflexionen an seine frühere Agentenzeit eingestreut.
Sallis’ Erzählstil drängt einem das Bild der Vogelperspektive auf, in die der Leser gehievt wird. Mit dem Aufbruch Davids scheint sich die Geschichte (besser: der Betrachter) ein wenig von der Bodenhaftung zu lösen, verliert ihre feste Verankerung, schwebt ein wenig über dem Geschehen. Diese Betrachtungsweise ist es, die dem Roman seine eigentümliche Faszination verleiht und ihm die stellenweise fehlende Plausibilität in der Handlungsabfolge gestattet. Gegen Ende nimmt die „Flughöhe“ allerdings bedenkliche Ausmaße an, der Boden entgleitet einem förmlich unter den Füßen, der Nebel verdichtet sich, umso erstaunlicher kommt es dann doch noch zu einer Landung in Form einer Auflösung.

Sehr reduziert

Sehr reduziert kommt dieser Roman daher; und dies gilt auf ganz verschiedenen Ebenen: Der Handlungsstrang wird aus kurzen Stricken geknüpft, Namen und Orte huschen fast unbemerkt vorbei, Zeitebenen werden unauffällig gewechselt, Atmosphäre wird mit wenigen knapp beschriebenen, aber präzise dosierten Details erzeugt; lyrische Passagen und kurze impressionistische Bilder wechseln mit komprimierten – man möchte fast sagen: kulturtheoretischen – Reflexionen. Dialoge mit zufälligen Bekanntschaften offenbaren Lebensweisheiten. Kein Wort der Umschweife, gerade genug um dem Handlungsstrang und der Gedankenwelt des Protagonisten folgen zu können – eine wache Aufmerksamkeit beim Leser allerdings vorausgesetzt.

Während der Fahrten und bei den Stippvisiten in Motels und Bars immer mit von der Partie sind musikalische Begleiter: von Tom Waits über Hank Williams bis Coltrane und Eric Dolphy. Hier kommt die Vielseitigkeit von James Sallis zum Ausdruck, der nicht nur als Krimiautor, sondern auch als Lyriker, Kritiker, Redakteur, Übersetzer und Musiker tätig war bzw. ist. Eine Würdigung an Cesare Pavese ist ebenfalls in die Story eingeflochten.
Ohne Zweifel: die Geschichte lässt Fragen offen –das kann man als Stärke oder Schwäche des Buchs deuten. Das Urteil darüber hängt wohl auch entscheidend von der eigenen Erwartungshaltung ab. Die Geschichte hat sicherlich viel zu geben, aber eine gewisse Unzufriedenheit, die sich ob mancher Unschlüssigkeit bei der Lektüre einstellt, bleibt auch danach zurück.

Anselm Brakhage


James Sallis: Deine Augen hat der Tod (Death will have your Eyes, 1997, erstmals dt. 1999). Roman. Deutsch von Bernd W. Holzrichter. Liebeskind 2008. 191 Seiten. 16,90 Euro.

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