Vergewaltigung, Missbrauch, psychische Manipulation, Drogen, Prostitution, Mord. Wem fallen noch mehr fürchterlich schockierende Dinge ein, die man jungen Mädchen antun kann? Wer wagt es, einen Roman über solche schlimmen Sachen zu kritisieren?
Russland, speziell Moskau, ist ein dankbarer Schauplatz für Kriminalromane. Russland wird mehr als jedes andere Land mit Korruption, Mafia-Strukturen, Rechtlosigkeit und Gefahr in Verbindung gebracht. Schon deswegen hat es die Autorin Polina Daschkowa leicht, mit ihrem Roman
Das Haus der bösen Mädchen ein Bedrohungsszenario aufzubauen und dabei gleich mehrere gruslige Themen unterzubringen.
Aufhänger ist die Geschichte der 15-jährigen Ljussja, die angibt, ihre Tante mit 18 Messerstichen getötet zu haben. Allerdings ist Ljussja „debil“ und daher wirkt es für Kommissar Borodin wenig glaubwürdig, dass sie tatsächlich die Mörderin sei. Die Spur führt in die große Pflegefamilie von „Mama Isa“, die neben Ljussja noch drei weitere Mädchen in ihrer Obhut hat. Ist dies wirklich ein soziales Projekt der glückseligen Familienidylle oder vielleicht doch, wie schon der Titel andeutet, das Haus der bösen Mädchen? Die Verbindungen reichen indes noch viel weiter – zu einer reichen Antiquitätenhändlerin mit drogenabhängigem Sohn, einem Terroranschlag in einem Kaufhaus und einem Messerattentat auf einen Polizisten.
Kompliment an den Klappentext
Das klassische Verfahren, wechselnde Schauplätze und Figuren in Abschnitten von 1-5 Seiten unterzubringen, jedes Kapitel mit einem „Cliffhanger“ zu beenden und das wahllose Einstreuen der oben aufgezählten schlimmen Taten, lässt die Geschichte schon nach 50 Seiten quälend vorhersehbar werden. Den mühseligen Charakterstudien, nach Angabe des Klappentextes Daschkowas Markenzeichen, fehlt es an Tiefe, der
action, an wirklich motiviertem Handeln. Die in Rezensions-Zitaten auf dem Buchrücken allseits gelobte„filmreife“ Erzählung wirkt doch arg auf den kommerziellen Erfolg hin berechnet.
Packend ist das Buch im Hinblick auf den Würgegriff, in dem die Rezensentin steckt, wenn sie weiß, dass sie sich durch alle 393 Seiten kämpfen muss und ihr am Ende nicht mehr dazu einfällt, als schon auf dem Klappentext steht. Das könnte ein Kompliment an den Klappentext sein. Vielleicht ist es aber auch zu viel verlangt, dass Literatur heute noch immer künstlerische Ansprüche erfüllen soll. Vielleicht reicht es manchem Leser auch, ein bisschen reißerisch unterhalten zu werden und dabei das „heutige Russland“ kennenzulernen. Vielleicht wäre das ja die Rettung des Romans gewesen, wenn er alles auf das Skelett trostlosen russischen Alltags reduziert hätte, bar jeder Drogensucht, Prostitution oder Organisierten Kriminalität – dafür aber mit Mädchen, die mehr sind als Opfer.
Sabina Schutter
Polina Daschkowa: Das Haus der bösen Mädchen. (Питомник, 2000) Deutsch von Ganna-Maria Braungardt. Aufbau Verlag 2008. 393 Seiten. 19,95 Euro.