Münchner Krimischaffende sind zu beneiden. Fällt ihnen stofflich partout nichts ein, erinnern sie sich an die Schickeria, die ortsansässige Bussigesellschaft mit ihren Stärken (Geld) und Schwächen (Koks). Spätestens seit „Kir Royal“ weiß jeder: kann funktionieren. Und wenn schon der Klappentext mit den Worten „München leuchtet...“ beginnt, entsinnt man sich unweigerlich des großen Gerhard Polt – und hat ihn nach fünf Lektüreseiten auch wieder gnädigerweise vergessen.
Die Story kommt mit jener unbedarft unlogischen Frechheit daher, die signalisiert: Nein, um Krimi geht’s hier doch nicht. Der Ladenbesitzer Wilhelm Gossec, dessen Handelsware irgendwo zwischen Antiquitäten und Trödel angesiedelt sein dürfte, springt mal eben spontan als Bescherungsnikolaus für einen leider zu betrunkenen Nichtsesshaften ein. Weihnachten ist’s, und die bessere Gesellschaft beschenkt gewohnheitsmäßig die schlechtere mit Brathendln und Christstollen. Gossecs Weg führt auch in die Wirtschaft vom Berghammer Bernie, einem Sterne- und TV-Koch, tja, und dabei geht einiges schief. Der Gossec wird des Diebstahls verdächtigt, erhält hinterrücks kräftig eins auf die Rübe, erwacht im finstren Keller, befreit sich und sinnt fortan auf Gerechtigkeit. Dazu muss er aber erst einmal wissen, warum ihm da Böses widerfuhr. Klar: Drogen. Und einen Toten serviert man obendrein. Keine Angst. Man befindet sich jetzt nicht unversehens in einem Kokskrimi oder gar im richtigen Leben des ja schon erwähnten und ja sofort wieder entwähnten Herrn Polt. Überhaupt gar nicht in einem Krimi, denn nicht einmal die Erwartungen des Genreplebs – ein bisschen Spannung, ein bisschen Wer-wars – werden erfüllt. Es kriecht so dahin und löst sich schließlich von selber auf, der Gossec bekommt seine Genugtuung, die Bussigesellschaft – die genaugenommen nur aus ihrem Zeremonienmeister Berghammer besteht – muss schieflächelnd für ihre Untaten blechen.
Kicherstoff als MogelpackungAber lustig ist’s halt. Tatsächlich gelingen Bronski zwei, drei hübsche Szenen. Die mit den um beständigen Nahrungsaufschub für sich und den Delinquenten bemühten Kommissaren etwa. Oder die Geschichte mit dem Silvesterkonzert, das ein paar Spezln vom Gossec organisieren und bei dem kein Geringerer als Jimmy Page von Led Zeppelin auftreten soll. Natürlich ist der Text mit vielen, vielen Bonmots und Bosheiten durchsetzt, allesamt auf die da oben gemünzt. Man erfährt zudem, dass es sogar in München arme Leute gibt. Womit der Sozialkritik Genüge getan wäre, damit man bei der nächsten Realismusdebatte nicht gleich hinten runter fällt. Und nett geschrieben ist das alles sowieso.
Das wär’s denn aber auch schon. Ein Krimi mit Schmunzelfaktor. Nun, gibt Schlimmeres. Weil das Ganze aber tatsächlich als „Kriminalroman“ verkauft wird, obwohl es das nicht ist, Leiche hin, Koks her, gehört
Schampanninger zu jenen seit Jahren gehäuft in die Regale geschobenen Mogelpackungen, auf denen „Krimi“ steht, nicht aber drin ist. Sondern folgenloser Humor, Kicherstoff, Schenkelklopfer. So prickelnd wie das titelgebende Getränk, Champagner mit Ingwerwürfel. Sorry; für mich bitte ein Glas Leitungswasser.
Dieter Paul Rudolph
Max Bronski: Schampanninger. Kriminalroman. München: Verlag Antje Kunstmann 2008. 174 Seiten. 16,90 Euro.