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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:34

 

Reality-Check

13.09.2008

Nachrichten von der Front

Woche für Woche veröffentlichen an dieser Stelle kluge Köpfe Rezensionen über gute und weniger gute Kriminalromane in der Hoffnung, dass ihre virtuelle Welt von der realen Welt, sprich dem/der Leser/in wahrgenommen wird. Doch wie sieht sie aus, die Realität, in der Menschen aus Fleisch und Blut ein Buch aus Papier und Druckerschwärze in die Hand nehmen um zu lesen – und wo findet sie statt?
Das weiß Beate Mainka

 

Ort unserer Feldstudie: eine 4000-Seelen-Gemeinde im Münsterland, die einzige öffentliche Bücherei ist fest in katholischer Hand, wie sich das in dieser Gegend so gehört, darf allerdings in Zeiten der Ökumene auch von Nichtkatholiken benutzt werden. Der Bestand dieser so genannten KÖB beläuft sich auf 3500 Medieneinheiten, neben Büchern für jede Altersstufe gibt es auch Hörbücher zu leihen.

Echte Leserinnen!

Dieser architektonisch höchst ansprechende Ort – er befindet sich im ehemaligen Klostergebäude – ist Tummelplatz einer Reihe von Einheimischen, die sich vorwiegend aus dem weiblichen Teil der Bevölkerung nebst ihrer noch in der Aufzucht befindlichen Kinder rekrutieren. Männer reagieren auf diese Örtlichkeit mit Schüchternheit und Schwellenängsten und werden höchstens im Schutz ihrer Familie gesichtet. Uns interessiert in diesem Falle das Leseverhalten der erwachsenen Frauen, natürlich mit besonderem Augenmerk auf die Kriminalliteratur.

Solange sich der Nachwuchs in der allerersten Kleinkind- und Kindergartenphase befindet, bleibt den Frauen zum Lesen wenig Zeit. Greifen sie in diesem anstrengenden Zeitraum überhaupt, neben Papp-, Bilderbüchern und Vorlesegeschichten für die Kleinen, zu Belletristik, muss es in der Regel leicht verdauliche, anregende oder entspannende Kost sein. Bereits hier erfüllt die Sparte Krimi erste Anforderungen. Auch wenn’s den einen oder anderen unter Ihnen jetzt schaudert: Donna Leon, Elizabeth George oder Jacques Berndorf erfreuen sich großer Beliebtheit und werden gerne in Serie gelesen, was den Vorteil mit sich bringt, dass frau sich nicht in immer neue Personen und Orte einlesen muss, was nach einem anstrengenden Arbeitstag in Haus, Hof und Garten nachvollziehbar ist.

Doch wenn die Kinder ihren Müttern langsam entwachsen, die ständige Verfügbarkeit nachlässt, dann schlägt deren große Stunde, denn nun tauchen sie regelmäßiger und – insbesondere – allein in der Bücherei auf, lassen die Kinderbuchregale links liegen und frönen ungehemmt ihrer eigenen Leselustbefriedigung. Hier kommt jetzt der in der Regel ehrenamtliche Mitarbeiterstamm zum Einsatz, denn nach Jahren der Abstinenz ist der Informationsstatus gen Null gesunken. Was gibt es Neues, was muss man gelesen haben? Hier ist nun die ganze Erfahrung im Umgang mit Leserinnen gefordert, um den richtigen Krimi an die richtige Frau zu bringen und so das Band zwischen Leserin und Bücherei zu festigen.

Gretchenfage Mankell

Zu Beginn muss die Gretchenfrage gestellt werden: Wie halten Sie’s mit Mankell? Die Antwort darauf entscheidet grundlegend über den Fortgang des Beratungsgespräches. Ist sie positiv, darf man getrost davon ausgehen, dass man eine recht hartgesottene und erfahrene Krimileserin vor sich hat, die auch bei Tess Gerritsen oder Mo Hayder nicht schlapp macht und noch gut schlafen kann. Lehnt die Leserin Mankell rigoros ab (andere Reaktionsmöglichkeiten gibt es übrigens nicht), sollte man kriminalistische Schonkost ohne allzu blutrünstige Details empfehlen, liegt einem das Seelenheil der Nutzerin am Herzen. Agatha Christie, Conan Doyle oder – etwas moderner – Martha Grimes können beruhigt ausgeliehen werden.

Tja, und wie halten es die Dorffrauen mit den Intellektuellen unter den Krimiautoren? Fehlanzeige, Heinrich Steinfest, Fred Vargas oder Leonardo Padura entziehen sich auch nach eingehender Beratung der Ausleihe. Die passen in die große Stadt, aber nicht in die dörfliche Gemeinschaft. Aber Stig Larsson, danach lechzen sie im Moment alle …

Es geht doch!

Doch man kann als langjährige erfahrene Büchereileiterin auch auf dem Lande noch Überraschungen erleben, wie kürzlich bei Frau N., der mit 82 Jahren ältesten Leserin der Bücherei. Diese kluge, weltoffene und belesene Dame, die aus Altersgründen aus dem politischen Bonn auf den heimatlichen Hof zurückgekehrt ist, hat sich erst kürzlich als Krimileserin geoutet und bekam Tim Rob Smith’ Buch Kind 44 empfohlen. Sie brachte es zurück mit den Worten: „So einen guten Krimi habe ich schon lange nicht mehr gelesen, haben Sie etwas Ähnliches?“ Na also, liebe Kollegen, geht doch!

Herzliche Grüße

Beate Mainka

 

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