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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:35

 

Thor Kunkel: Kuhls Kosmos

20.09.2008


Kosmische Grenzgänge

Wer sich in der Widmung liebevoll vor seiner Lektorin verneigt, kann kein schlechter Autor sein, denn er kennt seine Grenzen. Dass Thor Kunkel noch andere Grenzen ausloten kann, beweist er mit Kuhls Kosmos. Davon schwer begeistert ist Sabina Schutter

 


Cool …


Kuhl ist aus dem Frankfurter Stadtteil „Kamerun“ nach Nassau (funky Bahamas) geflüchtet, nachdem er zwei Männer getötet und deren Geld erbeutet hat. Dort im teuersten Golfclub eingeschrieben, ist schnell klar, dass seine Beute nicht lange reichen wird. Als echter „superjock“ (Kunkel-speech für jemand, der sich echt auskennt – mit Musik z.B.) weiß er, dass er daher seinem Leben am Ende der 70er-Jahre ein stilgerechtes Finale geben muss. Irgendwo zwischen hessischer West-Großstadt-Jugend (jeder, der den Kaufhof an der Hauptwache mit dem Hähnchengrill im Untergeschoss kennt, weiß was ich meine) und einer irren Selbstüberschätzung, schlittert er im weißen Dreiteiler (na, woher kennen wir das?) am 31.12.1979 durch seine Vergangenheit – und die aller, die wenigstens Boney M. kennen. Kuhl ist 19 Jahre, Fernmeldete(s)chniker mit abgebrochener Lehre und inszeniert sich cool als Gangster. Die Geschichte nimmt ihren natürlichen Lauf – natürlich lernt er einen Pornostar kennen, natürlich betrinkt er sich und erzählt dem Barmann (ein Boogie Man – wow!) seine Lebensgeschichte – natürlich fährt er im weißen PIMP-Auto vor. Genauso natürlich hat er eine Scheißangst, wird von Komplexen und Depressionen, von Sucht und Selbsthass gebeutelt.

Ich habe schon viele Romane gelesen, die an besonderen Schauplätzen spielten, oder die erfolglos versucht haben, altbekannte amerikanische Stile auf deutsche Szenerien zu übertragen, vom Bodensee bis zur Eifel. Ich kenne auch ausreichend misslungene Beispiele, wenigstens Trash zur Kunst zu erheben, wenn einem schon gar nichts Besseres mehr einfällt.

… ultracool

Thor Kunkel schafft es, zwischen Gallus-Viertel und Hauptwache ein völlig fremdes Universum zu inszenieren, das durch seine Überdrehtheit nicht weniger realistisch ist als eine gnadenlos reduzierte Black Community in einem Mosley-Roman. Liebevoll lokalkolorierte Detailtreue (vom überholenden Mercedes aus Offenbach bis zum Autoinnenraumbeflocker bei Opel) wechselt mit visionärer Disco-Space-Atmosphäre. Das alles ist durch brillante Dialoge verbunden, die eine mir bisher unbekannte Erzählqualität haben. Dennoch verliert sich Kuhls Kosmos nicht in den Details, sondern behält eine zwar kaum bemerkbare aber gut tragende Romanstruktur bei. Ich kann nicht anders als es im jock-Jargon auszudrücken: Kunkel rulez. Den Feminismus muss frau allerdings ab der Titelseite für 333 Seiten an der Garderobe abgeben, sonst kommt sie nicht am Türsteher vorbei.

Thor Kunkel kennt die Grenzen des Trashs und erweitert sie mit vielen verschrobenen Ideen, die ein im deutschsprachigen Krimibetrieb einzigartiges Talent beweisen.

Sabina Schutter


Thor Kunkel: Kuhls Kosmos. Pulp Master 2008. 333 Seiten. 13,80 Euro.

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