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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:35

 

Richard Stark: Fragen Sie den Papagei

20.09.2008


Der Facharbeiter des Verbrechens

Donald Westlake, in seiner Personifikation als Richard Stark ist wieder auf dem deutschen Buchmarkt – und damit auch sein unvergleichlicher Held Parker. Über ein glänzendes Comeback freut sich Uli Deurer

 

Es ist die Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten. Und wie so häufig überlegt man sich vor einem Treffen, ob man den fast aus dem Gedächtnis Geschwundenen eigentlich überhaupt wiedersehen möchte. Schließlich ist alles schon Jahre her und vorbei. Man ist unsicher, geht aber schließlich doch die Verabredung ein. Und zuweilen lösen sich alle anfänglichen Bedenken in Wohlgefallen auf. Die Begegnung mit Parker, dem Berufsverbrecher aus den Krimis seines Schöpfers Richard Stark, verantwortet der Zsolnay Verlag, der den Autor und den (Anti-)Helden mit einer umfangreichen Edition mal wieder entdecken und (hoffentlich) würdigen wird.

Den Auftakt dieser Ausgrabung bildet der 2006 im amerikanischen Original erschienene Roman Fragen Sie den Papagei, der erstmals dem deutschen Krimipublikum präsentiert wird. Um es gleich und ganz deutlich zu sagen, das Unternehmen ist trotz seines ausgeprägt nostalgischen Charakters sehr zu begrüßen und dürfte den Lesern viel Vergnügen bereiten.

Profis …

Worum geht es in diesem Roman: Nach einem Raubüberfall mit zwei Komplizen befindet sich Parker auf der Flucht. Die Bande hat sich getrennt, um der Polizei besser ausweichen zu können. Doch die Verfolger haben sich an Parkers Fersen geheftet, ein Entkommen scheint nicht möglich zu sein. Da läuft dem Flüchtenden der Ruheständler Tom Lindahl über den Weg und nach kurzem Beschnuppern erkennen beide im jeweils anderen, was ihnen für ihre Zwecke nützlich sein könnte. Lindahl schleust Parker in seinem Wagen durch die Straßensperren und versteckt ihn bei sich. Bald wird deutlich, dass er Parker als Helfer in einer privaten Racheaktion benötigt. Weil dabei einiges an Geld zu holen ist, gewinnt die Unternehmung auch für Parker an Interesse. Und Parker spielt, man weiß es vom ersten Moment der Begegnung an, in einer anderen Liga als Lindahl. Ein gutes Ende kann die Geschichte nicht nehmen.

Profi contra Amateur(e) – auf diese einfache Formel könnte der Gang der Dinge gebracht werden. Parker arbeitet wie eine Fachkraft auf seinem Spezialgebiet, dem Verbrechen. Verglichen mit ihm können die Menschen, denen er begegnet, in Sachen Gaunerei keinen Nagel in die Wand schlagen, so gern sie es können möchten. Parker scheint emotionslos, völlig kaltblütig auch in kritischsten Situationen, reaktionsschnell und von einer geradezu furchterregenden Entscheidungs- und Entschlusskraft zu sein. Diese Eigenschaften weiß er so routiniert anzuwenden wie der Handwerker sein Werkzeug. Man kann sagen, dass Parker „rechtschaffen“ seinem verbrecherischen Tagwerk nachgeht und so für seinen Lebensunterhalt sorgt wie ein Bäcker für den seinen. In einer sehr bezeichnenden Szene wundert sich Lindahl über Parkers großes Mitgefühl, das er diesem gar nicht zugetraut hatte. „Ich bin so mitfühlend, wie ich sein muss. Wir wollen schließlich keine Schießerei mit der Polizei.“, antwortet Parker ungerührt. So unverändert Parker aus allen Konflikten und Begegnungen hervorgeht, so sehr beeinflusst er doch die Schicksale derjenigen, die seinen Weg kreuzen – wie ein Katalysator in einer chemischen Reaktion das Geschehen nur in Gang setzt und beschleunigt, das alle anderen beteiligten Stoffe so grundlegend verwandelt.

… haben mehr Spaß

Ist es das reine Böse, das nur dem eigenen Vorteil verpflichtete Handeln Parkers, das den Leser fasziniert? Unser Held bietet keinerlei festen Boden einer wie auch immer gearteten moralischen Rechtfertigungsmöglichkeit. Ist es unser Wunsch, selbst einmal ein so toller Hecht zu sein wie Parker? Es wird uns nicht gelingen, denn Parker hat nicht den Willen, der perfekte Böse zu sein – er ist es einfach.

Es wird ein großes Vergnügen sein, sich wieder durch viele Romane von Richard Stark alias Donald Westlake mit dem einzigartigen Parker zu lesen, angezogen und angewidert zugleich von dieser gemeinen, abgrundtief schlechten und doch so großartigen Figur mit der kohlrabenschwarzen Seele.

Übrigens – Parker darf keinen Vornamen besitzen, jedenfalls keinen, der uns je zu Ohren kommt. Die wohl eher zufällige Entscheidung des Autors, seinen Helden nicht genauer zu benennen als mit seinem Allerweltsnachnamen, war die einzig richtige. Man braucht sich nur vorzustellen, Parker hieße „Tom“ oder gar „Tommy“ oder irgendwie anders. Nein, das will man sich gar nicht vorstellen … Parker ist Parker und sonst gar nichts.

Uli Deurer


Richard Stark: Fragen Sie den Papagei (Ask the Parrot, 2006). Roman. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Zsolnay Verlag 2008. 256 Seiten. 16,90 Euro.

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