Ein Politthriller?
Mitnichten, wenn auch Eggers alle Register seiner reichlich verschnörkelten Erzählkunst zieht, um uns an der Wandlung seines ewig schlechtgelaunten, von Selbstzweifeln zerfressenen, ältlichen Rechtsanwaltes Schlüter vom Saulus zum Paulus innigst partizipieren zu lassen. Langmut braucht’s da schon. Doch der Reihe nach:
Hemmstedt 1993: Der illegal in Deutschland lebende türkische Alevit Heyder Cengi versucht sich bei einer Baustellenkontrolle der Festnahme zu entziehen und stößt den Kontrolleur im Handgemenge unabsichtlich vom Baugerüst. Cengi taucht bei seinem onkel unter, der auf einem Apfelhof im Moor arbeitet.
Zeitgleich übernimmt Rechtsanwalt Schlüter, Eggers-Lesern bereits bekannt aus anderen Büchern, die Vertretung des in knarzender Lederjacke auftretenden Jungtürken Emin Gül, der ausgeliefert werden soll und in der Türkei per Haftbefehl gesucht wird. Gewiefte Krimileser ahnen es bereits, es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Fällen. Im tiefsten Anatolien kamen bei einem Brandanschlag marodierender Türken auf ein Hotel 37 Mitglieder der alevitischen Minderheit ums Leben, und während Gül die Beteiligung an demselben vorgeworfen wird, entkam Cengis onkel dem Tod nur mit knapper Not. Während sich für Schlüter die Hintergründe des Falles mehr und mehr lichten und er gar in die Türkei reist, um einem kaum dokumentierten Völkermord auf die Spur zu kommen, versinkt der Leser in schiere Verzweiflung. Denn er wird von der eigentlichen Geschichte, die anfänglich gar nicht mal so schlecht konstruiert zu sein scheint, ständig durch irgendwelche belanglosen Nebenhandlungen, moralische Belehrungen, endlose Einsichten in Schlüters ziemlich langweiliges Innenleben und politische Exkurse in die türkische Geschichte abgelenkt.
Herzblut und LangeweileGenau darin liegt das Problem von Eggers mit Herzblut geschriebenem und politisch sicherlich engagiert gemeintem Roman. Eggers verarbeitet die Eindrücke einer Reise ins türkische Hinterland, verknüpft sie mit einer zunehmend wirren Krimihandlung, mischt noch ein bisschen Korruption, Asylantenproblematik, islamische Religionslehre und – das ist am wenigsten verzeihlich – Polemik gegen die Türkei hinzu: Und das geht gründlich schief.
Es gelingt Eggers weder, einen spannenden Politthriller noch einen „Krimi“ im Asylantenmilieu vorzulegen. Vielleicht hätte er sogar eher ein Sachbuch schreiben sollen, denn wenn man die ganzen sachlichen Einschübe weglässt und von der Krimihandlung separiert, hätten es gut und gerne zwei Bücher werden können. Dann hätte er sich die kaum nachvollziehbare wunderbare Wandlung seines Schlüters zum Gutmenschen sogar sparen können. So aber verbreitet er vor allem eins – tödliche Langeweile.
Beate Mainka
Wilfried Eggers: Paragraf 301. Grafit Verlag 2008. 475 Seiten. 19,90 Euro.