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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:36

 

Charles Maclean: Trojaner

04.10.2008


Hölzernes Pferd als lahmer Gaul

Könnte spannend sein: das Verbrechen im digitalen Zeitalter der gläsernen Menschheit. Ist aber: kenntnislos und ärgerlich. Charles Maclean: Trojaner – fachlich getestet von IT-Wizzard Dieter Paul Rudoplh

 

Hätten sich die alten Griechen schon mit satellitengestützten Navigationsgeräten in ihrer alten Welt orientiert, Homers Odyssee wäre nie geschrieben worden und „Trojaner“ kein Wort des modernen Sprachgebrauchs. Die zu seiner Entstehungszeit verfügbaren Kommunikationsmittel entscheiden aber nicht nur über Sein oder Nichtsein eines literarischen Werkes, sie beeinflussen auch seine innere Struktur und Dramaturgie. Einen Krimi als Briefroman schreibt man höchstens noch aus nostalgischen Motiven, auf den ersten vollständig zusammengesimsten Thriller wird man wohl nicht mehr lange warten müssen.
Spannende Zeiten also, dann zumal, wenn die technischen Werkzeuge zwar so selbstverständlich genutzt werden wie ein Kamm oder (hoffentlich) eine Zahnbürste, aber allenfalls so gut verstanden wie die physikalischen Phänomene eine Millionstel Sekunde vor dem Urknall. Das macht Technik zum willkommenen Objekt für die Kriminalliteratur.

Angst & Grusel

Charles Maclean hat nun diese Angst vor dem Unbekannten thematisiert. Home Before Dark heißt das Werk im Original, die deutsche Titelung Trojaner weist sehr viel direkter auf das hin, was im Buch geschieht: Jemand spioniert in den Computern und damit in den Köpfen.
Ed Lister ist ein erfolgreicher Immobilienmakler, dessen Welt zusammenbricht, als seine Tochter Sophie in Florenz, wo sie Malerei studiert hat, ermordet wird. Die Ermittlungen der italienischen Polizei stocken, Lister macht sich selbst auf die Suche nach dem Mörder. Für den wiederum war die Ermordung der Tochter nur das Präludium seines eigentlichen Ansinnens, Rache am Vater selbst zu üben.

Von Anfang an spielt Computertechnologie die Hauptrolle in Trojaner. Der Mörder ist ein begnadeter Programmierer (und, man kann es schon nicht mehr hören, als Kind schwerstens traumatisiert worden), der dank eines auf Listers Laptop installierten „Trojaners“ (eines Programms, das nicht nur einen Rechner ausspionieren, sondern auch nach dem Gutdünken seines Schöpfers steuern und manipulieren kann) über sämtliche Aktivitäten seiner Zielperson auf dem Laufenden ist. So weiß er auch, dass Lister eine „virtuelle Beziehung“ zur jungen Jelly pflegt. Man kennt sich nur aus dem, was der jeweils andere behauptet zu sein und zu tun, eine prickelnde, im Grunde harmlose Beziehung. Es wird nicht so bleiben.

Die Handlung spannt sich über Länder und Kontinente – Florenz, Paris, London, New York –, erhält ihre Zäsuren durch immer neue Morde und Täuschungsaktionen, die Dinge werden verwickelter. Bis dahin gehört Trojaner zur Produktgruppe „Thriller“ der amerikanischen Spannungsindustrie, nichts an ihm ist außergewöhnlich, schon gar nicht außergewöhnlich gelungen. Aber Trojaner ist eben nicht nur Thriller, es ist – oder soll sein – eine Entführung in die „moderne Welt des Schreckens“, wie uns der Klappentext suggeriert, das Computerzeitalter mit seinem unübersehbaren Arsenal von Mitteln, unsere Existenz zu einer gläsernen zu machen.

Buuuh!

Irgendwann schwant Lister, dass der Mörder seine E-Mail-Korrespondenz überwacht. Er engagiert einen „Cyberdetektiv“. Der, ein junger Mann namens Campell Armour, wird als leicht anarchistisches Genie eingeführt, Einserabsolvent einer Elite-Uni, Hackerfreak, kurz: ein Computergenie wie der Mörder selbst. Natürlich schwant dieser Koryphäe sogleich, dass sein Konkurrent einen Trojaner auf Listers Rechner installiert hat. Leider ist das Programm inzwischen zerstört worden und spurlos verschwunden (das lassen wir einmal so stehen). Fortan jedoch werden wir vom avisierten „Cyberdetektiv“ nichts mehr sehen, er mutiert kommentarlos zum Normaloermittler, der durch Amerika reist, Leute befragt, Dingen auf den Grund geht – und sich plötzlich in Sachen Computertechnik wie ein mit solcher eher unvertrauter Zeitgenosse anstellt.

Ein Beispiel: Dem Mörder ist es gelungen, einen weiteren Trojaner zu installieren. Sowohl Lister als auch Armour wissen davon. Dennoch kommunizieren sie fröhlich über den verseuchten Rechner weiter, das angebliche Hackergenie macht nicht einmal den Versuch, das Programm seines Konkurrenten zu orten und eventuell in seinem Sinne zu manipulieren. Schlimmer noch: Armour ergreift keinerlei Maßnahmen, eine gesicherte Kommunikation aufzubauen, was jeder gewöhnliche Anwender mit etwas Überlegung ohne größeren Aufwand tun könnte (neuer Rechner, neuer E-Mail-Account, anonymisierte Einwahl etc.). Dieses Versäumnis ist besonders krass, weil alle Unangenehmlichkeiten, denen Lister und Armour ausgesetzt sind, auf den via Trojaner ausspionierten Fakten beruhen.

Spätestens hier wird die Ambition, einen die Gefahren und Abgründe der digitalen Kommunikation thematisierenden Kriminalroman zu schreiben, zum kompletten Unfug. Was bedrohlich sein soll, ist einfach nur putzig und dilettantisch, die Parallelstory der „virtuellen Beziehung“ steuert ungebremst ins Kitschige, so wie alles oberflächlich abgehandelt wird, um in konventioneller Spannungsmache und muskelbetriebenem Aktionismus zu versacken. Die ziemlich dumme Botschaft: Wehret euch nicht, ihr habt eh keine Chance gegen die Cybermarodeure. Herr Schäuble wird’s gerne hören.

Dieter Paul Rudolph


Charles Maclean: Trojaner (Home Before Dark. 2008). Roman. Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann. Dumont 2008. 511 Seiten. 19,90 Euro.

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