Eigentlich ist es ein Glücksfall für die Polizei:
Ein Serienmörder verschickt Briefe, in denen er ankündigt, wen er als nächstes umzubringen gedenkt. Doch fatalerweise kommt Inspektor Gunnar Barbarotti, der Adressat der anonymen Mörderpost, stets zu spät. Bevor er die letztendlich fünf Opfer ausfindig machen kann, sind sie bereits tot.
Dabei geben sich Barbarotti und sein Ermittlerteam alle Mühe. Sie suchen fieberhaft nach Querverbindungen zwischen den Opfern, und Barbarotti begibt sich sogar in Klausur, um über eine etwaige persönliche Beziehung zum Täter nachzudenken, denn warum schickt der Mörder die Briefe ausgerechnet an ihn, noch dazu an seine Privatadresse?
Post vom Mehrfachtäter Doch in dem perfiden Katz-und-Maus-Spiel, das der Killer mit ihm treibt, nützt Barbarotti, der sich mit seinem subtilen Humor und seiner Selbstironie wohltuend von den sonst so schwermütigen Kommissaren skandinavischer Autoren unterscheidet, selbst sein Deal mit Gott nichts. Werden seine Gebete erhört, bekommt Gott Punkte gutgeschrieben, ist dem nicht so, gibt’s Punktabzug. Erleuchtung bringt Barbarotti sein „gentlemen’s agreement“ mit Gott, wie er es selbst nennt, in diesem vertrackten Fall jedoch nicht.
Dafür ist der Leser zunächst im Vorteil. Eingewoben in die geschickt konstruierte Handlung finden sich Tagebuchaufzeichnungen des Mörders, der von einem Sommerurlaub berichtet, den er fünf Jahre zuvor in der Bretagne verbrachte. Zwei Paare und zwei Singles – außer dem Mörder noch ein weiterer alleinstehender Mann – liefen sich damals zufällig über den Weg, aßen und tranken zusammen, flirteten und machten schließlich einen Bootsausflug, dessen tragisches Ende der Auslöser für die Serienmorde zu sein scheint.
Ein Hauch von PostmoderneSchlussendlich erzählt Håkan Nesser in dem zweiten Krimi seiner auf vier Bände angelegten Serie um Inspektor Barbarotti jedoch eine ganz andere Geschichte. So viel darf verraten werden und der Buchtitel verheißt es ja schon. Die Auflösung des Falles ist zugleich eine herbe Enttäuschung für den Leser. Als ob Nesser – an sich ein erfahrener Autor, der es mit seinen Van-Veeteren-Krimis auf immerhin zehn Bände brachte – nicht gewusst hätte, wie er seine Geschichte zu Ende bringen soll, lässt er nach 550 durchaus spannend erzählten Seiten völlig abrupt eine Nebenfigur (nicht einmal Barbarotti selbst) den Mörder überführen.
Wer der Täter ist und was sein Motiv, erfährt der Leser, doch welcher Gedankengang zur Entlarvung des Mörders führte, bleibt ihm vorenthalten, es sei denn, er nimmt sich den Roman noch einmal vor. Angeblich liefert nämlich ein Detail in den Tagebuchaufzeichnungen die Erklärung, doch ob dem wirklich so ist, wer weiß?
Denn wie meint eine Kollegin Barbarottis gegen Ende des Romans in bester postmoderner Attitüde so schön:„Vertraue nie einem Autor.“
Karin Scharschmied
Håkan Nesser: Eine ganz andere Geschichte. Ein Fall für Inspektor Barbarotti. (En helt annan historia, 2007) Roman. Deutsch von Christel Hildebrandt. BTB. München 2008. 608 Seiten. 19,95 Euro.