Men in Black 3 - jetzt im Kino! Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 22:36

 

Leif Davidsen: Der Russe aus Nizza

25.10.2008

Räuberspistole

Sehr viel Spaß wegen seiner unfreiwilligen Komik hat uns vor Jahren die Ankündigung eines Romans von Leif Davidsen als „kosmopolitischer Thriller“ gemacht – auch, weil er US-Propaganda einfach in eine Spielhandlung umgesetzt hatte. Mit dem neuen Buch scheint’s auch nicht besser zu werden, befürchtet Kerstin Schoof

 

Marcus Hoffmann ist ein einfach gestrickter Geschäftsmann, der glücklich mit seiner russischen Frau Nathalie in Kopenhagen lebt. Auf einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen hilft er einem Russen aus der Klemme, der nachts auf den Straßen Nizzas überfallen wird. Wenig später überredet Nathalie, die mit Russland eigentlich längst abgeschlossen hatte, ihren Mann zu einer Kreuzfahrt auf der Wolga – und verschwindet spurlos. Hoffmann beschließt, nach seiner Frau zu suchen und sieht sich mit korrupten Behörden, Mafiosi in dunklen Anzügen und einer hilflosen dänischen Botschaft konfrontiert. Echte Hilfe bekommt er erst von Sascha, einem Straßenjungen mit Talent als Zauberkünstler. Und Hoffmann ruft den Russen aus Nizza an ...

Piffpaff

Leif Davidsens neuer Roman ist eine wahre Räuberpistole: eine abenteuerlich konstruierte, wenig plausible Story mit viel Action, bei der man lieber nicht fragen sollte, wie „realistisch“ das Ganze eigentlich ist. Davidsens erhebt jedoch spürbar den Anspruch, seinen Lesern das heutige Russland und seine Geschichte nahezubringen, und so streift er neben der Wende unter Gorbatschow auch die Machenschaften des KGB, das Lagersystem der Sowjetunion und den Krieg in Tschetschenien. Leider räumt Davidsen genau diesen Hintergrundinformationen insgesamt zu wenig Platz ein und investiert diesen stattdessen in philosophische Monologe seiner Hauptfigur, deren betont naiv-apolitische Weltsicht insgesamt eher aufgesetzt wirkt. Als Vorlage für die Konfrontation des behüteten dänischen Managers mit der rauen Wirklichkeit dient Hoffmanns Reise in die Vergangenheit seiner Frau. Anders als in seinem überzeugenden Bestseller Der Augenblick der Wahrheit, dessen Protagonist – ein spanischer Paparazzo mit Verbindungen zur ETA – in seiner eigenen Vergangenheit nach dem Schlüssel zu einem aktuellen Verbrechen fahnden muss, bleibt Davidsens Sicht auf Russland in Der Russe aus Nizza immer durch die Außenperspektive Hoffmanns begrenzt, der nur an der Oberfläche kratzen kann.

Le Russe niçoise

Auch vielversprechende Ansätze wie ein Treffen der Hauptfigur mit einer dänischen Journalistin, die aufgrund ihrer Recherchen in Tschetschenien in Ungnade gefallen ist, werden nicht weiter verfolgt. So setzt Davidsens Krimi den gängigen Klischees, denen er auf den Grund gehen will, letztlich zu wenig entgegen. Auch wenn er den Postkommunismus atmosphärisch durchaus gekonnt inszeniert: Die gesichtslose Stadt Uglitsch, in der Nathalie verschwindet und Hoffmanns Suche in einem ehemaligen Funktionärshotel beginnt, wird man so schnell nicht vergessen. So entwickelt Der Russe aus Nizza phasenweise einen richtiggehenden Sog – als gruseliges Lesevergnügen, das sich einer schaurigen Kulisse bedient.

Kerstin Schoof


Davidsen, Leif: Der Russe aus Nizza (Den ukendte hustru, 2006). Roman. Aus dem Dänischen von Anne-Bitt Gerecke. Wien: Zsolnay Verlag 2008. 477 Seiten. 19,90 Euro.

 

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Raubbau an Körper und Seele

In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...