Eine neue Poe-Biografie. Sollte etwa wieder ... natürlich: Ein runder Geburtstag schickt seine büchernen Vorboten aus, am 19. Januar 2009 feiern wir das 200. Wiegenfest jenes sehr merkwürdigen und verqueren Dichters, und weil der im Volksglauben noch immer auf das Format eines „Großmeister des Grauens“ oder „Erfinders der Detektivgeschichte“ eingedampft wird, sei uns jede „andere Sicht“, wie sie auch Hans-Dieter Gelfert offeriert, grundsätzlich willkommen, Jubeltag hin oder her.
Auf knappen 250 Seiten erwartet uns der Versuch, „den Dichter seinen Lesern von innen her nahe zu bringen und ihn und sein Werk aus dem Kontext seiner Lebensumstände zu verstehen“. Das sind nun gleich zwei problematische Deutungsansätze, ein psychologischer und ein soziologischer. Und sie richten sich – das doch sehr asketische Textkorpus legt es nahe – nicht an „Experten“ und solche, die sich dafür halten, sondern eindeutig an Einsteiger in die knifflige Poe-Materie, denen das Studium von Frank T. Zumbachs noch immer gültiger und dreimal so umfangreicher Biografie aus dem Jahr 1986 zu anstrengend sein dürfte.
Bevor sich Gelfert der inneren wie äußeren Existenz Poes zuwendet, macht er uns mit einigen grundlegenden Dingen bekannt. Er verweist auf das durchaus gebrochene Verhältnis der US-Amerikaner zu ihrem „Klassiker“ und schildert knapp die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten in jener ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Poes Leben und Werk zeitlich umrahmt. Dabei stellt Gelfert fest, Poe habe sich als Autor erstaunlicherweise kaum mit den geradezu stürmischen Entwicklungen seiner Zeit auseinandergesetzt – nun, darüber wird noch zu reden sein. In einem dritten Teil seiner Einführung springt Gelfert direkt in Poes Werk – und weist dem Meister der „ratiocination“ logische Fehler in etlichen seiner Geschichten nach. Was er damit bezweckt, bleibt vorerst sein Geheimnis und ist an dieser Stelle seiner Ausführungen auch deplaziert.
Die Ausführungen zu Poes Leben nehmen naturgemäß den größten Teil der Biografie ein und sind in ihrer summarischen Darbietung nicht zu beanstanden. Gelfert gelingt es sogar, den entscheidenden Konflikt sowohl der Poe’schen Existenz als auch ihrer literarischen Manifestierung herauszuarbeiten, dieses Schwanken zwischen Allmacht und Ohnmacht, das sich leitmotivisch durch fast jede Zeile des ¼uvres zieht.
Es ist nun aber genau dieses Werk, an dessen Deutung Gelfert scheitert. Häufig redet er, wenn er die Grotesken und Arabesken Poes seziert, von „hoaxes“, also blankem Jux, und vermutet darin den „Kobold des Perversen“ (
The imp of perverse, wie Poe selbst eine seine Geschichten betitelt hat). Voller Jux und perverser Dollerei steckt nach Gelfert auch Poes einziger Roman,
Arthur Gordon Pym. „Nur wenn man die Erzählung als parodistische Verulkung der Abenteuerliteratur liest, ergeben die unmöglichen Vorgänge einen Sinn“, konstatiert Gelfert – und, pardon, das ergibt nun überhaupt keinen Sinn.
Pym steht in einer logischen Reihe von Erzählungen, die jenen Widerstreit von „Allmacht und Ohnmacht“ reflektieren (genannt seien noch
William Wilson mit dem Doppelgängermotiv,
Julius Rodman, ein Zwilling von
Pym, beide greifen das Kannibalismus-Motiv auf, was unschwer auch als ein „Sich-selbst-verzehren“ gedeutet werden kann, sowie
The Man of the Crowd, in der das Unergründliche – „the crowd“ – qua Imagination beherrschbar werden soll, aber zum Alptraum wird). Seinen Höhepunkt findet dies in den berühmten „Detektivgeschichten“, an denen Gelfert indes lediglich zu faszinieren scheint, dass auch dort „logische Fehler“ zu finden sind, und vor allem in
Heureka, einem geradezu allmächtig-ohnmächtigen Versuch, das Universum zu erklären.
Diese Innenseite des Werks (es ist nicht die einzige, aber doch eine stringent rekonstruierbare) wird zur Außenseite, wenn man in Poe und seinem Allmachts-Ohnmachts-Kampf ein Abbild der sozio-psychologischen Verhältnisse seiner Zeit erkennt. Einer Zeit, die sowohl von der Beherrschbarkeit aller Dinge erfüllt war als auch von der ohnmächtigen Angst vor der damit verbundenen und nicht mehr rational zu überschauenden Komplexität. So gesehen, lesen sich Leben und Werk Poes durchaus wie ein Kommentar zur Lage der Gesellschaft (und sind, da dieses Phänomen längst noch nicht überwunden ist, auch „modern“).
Gelferts abschließende Betrachtungen gelten „Poes Poetik“ und münden in der wenig überraschenden Erkenntnis, dass diese sich im konkreten Werk kaum wiederfinden lässt. Nun, damit befindet sich Poe in bester Gesellschaft, von Lessing bis Arno Schmidt. Wer ihre praktischen Taten an ihren theoretischen Postulaten misst, wird maßlos enttäuscht sein.
Poe war kein polierter Klassiker. Je mehr wir an ihm reiben, desto zerklüfteter wird dieses labyrinthisch durchzogene Relief eines wahrhaft Zerbrochenen, der Diplomatie gelegentlich mit Speichellecken verwechselte, manchen Jux todernst meinte, als Mensch irritieren muss und als Künstler noch mehr. Gelfert legt in seinem Buch davon durchaus Zeugnis ab, die losen Fäden indes verknüpft er nicht. Vielleicht wäre das auch zu viel verlangt von einer doch arg dünnen Biografie, die Einsteiger grob orientiert und dazu auffordert, tiefer in die Materie einzudringen. Es ist notwendig – und es lohnt sich.
Dieter Paul Rudolph
Hans-Dieter Gelfert: Edgar Allan Poe. Am Rande des Malstroms. Biographie. München (C.H. Beck) 2008. 249 Seiten. 19,90 Euro.