Die böse Camorra und viele tote Frauen
Wir befinden uns in Neapel, der Stadt der Müllberge und der Camorra, dieser kleinen, bösen, lokalen Schwester der Mafia. Gerade wurde Bruno Valsi, Schwiegersohn des örtlichen Don des Camorra-Clans der Viper, nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Seine erste Amtshandlung ist die äußerst brutale Ermordung der Augenzeugin, deren Aussage ihn ins Gefängnis gebracht hatte. Die Beseitigung der Leiche durch Verbrennen führt die ermittelnden Beamten direkt auf die Spur eines Friedhofs der besonders makabren Art zu Füßen des Vesuvs, auf dem immer mehr verkohlte Überreste von seit Jahren verschollenen Frauen zu Tage treten. Der aus den USA zur Hilfe gerufene Profiler Jack King soll die toughe, natürlich blonde Chefin der Mordkommission bei der Jagd auf den monströsen Killer unterstützen. Verdächtige gibt es reichlich, die ins Schema passen.
Psychologie für Arme
Jetzt beginnt die große Schnitzeljagd auf den bösen, bösen Killer, in alter Thriller-Manier mit kurzen, zuweilen äußerst abrupten Szenenwechseln (immerhin bringt Morley es bei 560 Seiten auf 109 Kapitel, von wirklichem Erzählfluss kann da keine Rede mehr sein), damit wir auch schön zwischen den zahlreichen durchgeknallten Typen hin und her switchen können, auf deren Fährte Morley uns arme Leser setzt. Dabei greift er tief in die prall gefüllte Klischeekiste und zaubert einen Außenseiter nach dem anderen hervor: den vergammelten, von der Polizei abgelehnten Möchtegern-Profiler; den an einer seltenen entstellenden Krankheit leidenden jungen Mann, den die Frauen ablehnen und der deshalb mit seiner illegalen Waffe Ratten abballert; den brutalen Camorra-Schwiegersohn, der alle Regeln bricht und die eigene Ehefrau vergewaltigt – alle hübsch zum Aussuchen aufgereiht. Wir erfahrenen Thrillerleser erkennen natürlich sehr schnell, dass es garantiert keiner von denen war. Aber Jack King, ganz der erfahrene Profiler, kaut sie alle, alle geduldig durch und lässt uns schaudernd an seiner Westentaschen-Psychologie teilhaben. So bleibt zur Erhaltung des Spannungsbogens leider nur noch die Frage, wen Morley am Ende als Bösewicht aus dem Hut zaubern wird und so wirklich reicht das, bei allem Wohlwollen, nicht.
Nun könnte man dem Autor ja einiges verzeihen, wenn er denn spannend und anregend erzählen könnte, aber auch hier Fehlanzeige. Seine Gewaltdarstellungen – und von denen gibt es satt und reichlich – sind bis an die Ekelgrenze (zugegeben: weibliche Sicht) detailliert ausgewalzt, und auch wenn Morley im Nachwort verkündet, dass einige der dargestellten Praktiken bei der Camorra an der Tagesordnung sind, sei die Frage gestattet, ob man sich darin unbedingt so ausgiebig suhlen muss. Das riecht meilenweit nach Verkaufsstrategie in einem hart umkämpften Markt. Und dann sind da noch die blumigen Bilder, mit denen die Erzählung gespickt ist und die zuweilen – wohl unabsichtliche – Heiterkeit auslösen. Kleine Kostprobe von Seite 168: „Ein schriller Schrei durchzuckte den Wald. Er flog unsichtbar wie eine Fledermaus durch die schwarze Winternacht. Dann verendete er an der beschlagenen Scheibe des Autos von Filippos Vater.“ Ist das nicht allerliebst? Nun, an der Übersetzung liegt so was vermutlich weniger, aber dem Lektorat sollte man solche Sätze schon um die Ohren hauen. Ich als Leser fühle mich da ein wenig – ich weiß, böses Wort – verarscht.
Und für dieses Machwerk soll der Käufer dann auch noch fast 20,00 Euro hinblättern, dabei wäre schon eine Taschenbuchausgabe kaum ihr Geld wert gewesen. Das Leben ist einfach zu kurz, um etwas so Schlechtes zu lesen!
Beate Mainka
Michael Morley: Viper. Thriller (Viper, 2008). Roman. Deutsch von Jürgen Bürger und Peter Torberg. München: Wilhelm Heyne Verlag 2008. 560 Seiten. 19,95 Euro.