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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:36

 

Mickey Spillane (& Max Allan Collins): Das Ende der Straße

15.11.2008


Seniorenheim für abgehalfterte Romanhelden

Spillanes Schwanengesang. Ein Buch, das alle anderen Bücher des Autors ins rechte Licht rückt. Eine unfreiwillige Selbstparodie. Ein Fazit von Dieter Paul Rudolph

 

Man kann Mickey Spillane mit Fug und Recht für einen dubiosen Autor von Kriminalromanen halten, in denen eine zutiefst reaktionäre Philosophie unter den Deckmäntelchen „Hardboiled“ oder „Pulp“ zu dauerpubertierenden Lesern transportiert wird. Sein erfolgreicher Protagonist, Mike Hammer, wie auch die zahllos für „das Gute“ ballernden Cops verkörpern das Primat der blanken Gewalt, waffenstrotzend, erst schießen, dann denken, politisch schlichte Gemüter, die nur knapp am Faschistoiden vorbeischrammen oder schon tief drin stecken. Man kann, au contraire, das Ganze als kurzweiliges Entertainment zur Befriedigung niederer Leserinstinkte verharmlosen. Wenn, wie kürzlich in einem Leserkommentar zu John Harveys Schlaf nicht zu lange geschrieben, der Roman als „langweilig“ zur Seite gelegt wird, weil auf den ersten 70 Seiten „nur ein Polizistenmord passiert“, dann ist Verbrechen, ist Gewalt im Krimi eben nur noch ebenso atem- wie gedankenlos konsumiertes Spannungsmoment, fernab jeglicher Realität. Und dann ließe sich auch Spillane als Teil des neckischen Mordsspektakels genauso lesen: ohne Bezug zur Wirklichkeit, ein blutiges Märchen, das keine Spuren hinterlässt und für nichts verantwortlich ist.

Könnte man dem widersprechen? Man könnte es – und braucht es, im Falle Spillane jedenfalls, doch gar nicht. Denn wie abstrus und obskur das ganze Konzept zu nehmen ist, beweist der Autor höchstpersönlich. Das Ende der Straße ist der letzte Roman des 2006 verstorbenen Spillane. Unvollendet, vom Kollegen Max Allan Collins mit Hilfe hinterlassener Notizen fertig geschrieben und „für die Veröffentlichung vorbereitet“. Die erfolgte zunächst in der US-amerikanischen Hard Case Crime - Reihe, jetzt auch in deren deutschem Ableger beim Rotbuchverlag.

Shooter Stang

Die Story ist hanebüchen. Ruheständler Jack Stang war einst ein berühmter Cop, dem man den liebevollen Beinamen „Shooter“ verpasst hat. Nicht ohne Grund, natürlich, den Bösen hat Jack grundsätzlich das Hirn aus der Schale gepustet, und wir ahnen sofort, dass er dies auch auf den nächsten 200 Seiten ausgiebig tun wird. Ursache dazu hat er. Vor 20 Jahren wurde Stangs große Liebe Bettie bei einem mißglückten Entführungsversuch getötet. Das jedenfalls hat Stang all die Jahre geglaubt, bis ihn ein freundlicher Tierarzt eines Besseren belehrt. Bettie hat überlebt, allerdings erblindet und ihres Gedächtnisses komplett beraubt. Jetzt residiert sie – obwohl gerade knapp über 40 – in einer Seniorensiedlung für pensionierte Polizisten in Florida. Ihre früheren Feinde von der Mafia sind noch immer hinter ihr her, denn Bettie weiß etwas, das ihnen gefährlich werden könnte. Der freundliche Tierarzt – sein Vater hatte Bettie einst als eine Art Pflegetochter bei sich aufgenommen – hat Stang auch gleich ein Haus in jener Seniorensiedlung gekauft, damit er auf sein wiedergefundenes Mädchen aufpasse. Und Stang macht sich auf den Weg. Er wird den Fall noch einmal aufrollen und Bettie beschützen.

Man kann die Absurdität dieses Settings kaum nacherzählen. Und es kommt noch schlimmer. Bettie verliebt sich natürlich sofort in Stang, ihr Gedächtnis kehrt nach und nach zurück, ihr Geheimnis ist geradezu ungeheuerlich. Es geht um nichts weniger als verschwundenes Material zum Bau einer Atombombe, das in die Hände von „den Saudis“ gelangen könnte, die New York dem Erdboden gleich machen wollen, nachdem sie ja schon an zwei Türmen geübt haben. Bis Stang dies alles weiß, reiht sich Ungereimtheit an Ungereimtheit, springen ihm die Zufälle dutzendweise bei (jemand stolpert weitab vom Geschehen über eine Haschpfeife, die natürlich „wichtig“ ist, noch ein angeblich Toter wird wieder lebendig etc.), am Ende liegen acht Bösewichte in ihrem Blut, einen Verräter hat Betties treuer Windhund auf dem zähnefletschenden Gewissen. Schrecklich.

Cops & Robbers

Wäre da nicht die Seniorensiedlung. Hier nämlich laufen sie alle herum: die Bullen, die keine Bullen mehr sind, aber noch Bullen spielen. Jeder ständig „auf Streife“, die 45er geladen, entsichert und griffbereit, Kämpfer für das Gute, das pausenlos von irgendwelchen Ausländern bedroht wird, in den Köpfen hohe Ideale und unantastbare Überzeugungen, die doch alle auf einem einzigen Grund ruhen: Wer nicht so gut ist wie wir, dem verpassen wir eine Kugel. Und nebenan eine andere Seniorensiedlung, in der sich die Mafia eingenistet hat. Man muss sich das bildlich vorstellen, um seine berstende unfreiwillige Komik genießen zu können. Die Welt des Mickey Spillane bevölkert mit den abgewrackten Helden seiner Romane, die Guten feinsäuberlich von den Bösen getrennt, Schießbudenfiguren im wahrsten Sinne des Wortes. Und plötzlich ahnt man, dass das schon immer so war, das Personal nie etwas anderes als in seinem eigenen Saft kaserniert, hirnlos an der Welt vorbeitaumelnd, großspurige Knarrenschwinger, treudoofe Diener von Recht und Ordnung. Das ist schon beinahe Parodie, nein, es IST Parodie, Selbstentlarvung in Gestalt eines auch handwerklich furchtbar schlechten Krimis. Erhellend.

Spätestens nach der Lektüre von Das Ende der Straße hat sich die Frage nach moralischen Werten und der Rezeption des Spillane’schen ¼uvres erübrigt. Es ist, ganz einfach, anachronistisch, eindimensional und lächerlich.

Dieter Paul Rudolph


Mickey Spillane (& Max Allan Collins): Das Ende der Straße (Dead Street, 2007). Roman. Deutsch von Lisa Kuppler. Berlin. Rotbuch-Krimi – Hard Case Crime 2008. 224 Seiten. 9,90 Euro.

 

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