Viel Geschwätz, wenig Gewissheiten. Im Vorfeld der Verleihung des Literatur-Nobelpreises im vergangenen Jahr spekulierten die professionellen Beobachter, wer für die Auszeichnung in Frage käme. Auf keinen Fall, so kurz nach Pinter, ein Autor aus dem englischen Kulturkreis, auf keinen Fall, so kurz nach Jelinek, eine Feministin. Als dann Doris Lessing benannt wurde, eine vielleicht verspätete, auf jeden Fall aber unanfechtbare Entscheidung, mussten sie die skurrilsten Argumente aus dem Hut zaubern, um ihre eigene Ahnungslosigkeit zu camouflieren. Jeder Kommentator: ein Möchtegernjuror, der es nicht ertragen kann, dass andere seine Wertungen nicht teilen. Deshalb mussten sie auch heuer motzen, als keiner der angekündigten Favoriten, sondern völlig überraschend Jean-Marie Gustave Le Clézio den Nobelpreis erhielt. Sigrid Löffler bezeugte seinen Romanen nicht nur „Monotonie und Langweiligkeit“, sie ätzte zudem – und das war als Einwand gegen die Stockholmer Entscheidung gemeint –, die Verlage seien mit den Verkäufen des Geehrten nicht sehr glücklich gewesen. Hatte die meinungsfreudige Kritikerin nicht eben erst den Job bei „Literaturen“ gekündigt, weil ihr angeblich eine Boulevardisierung suspekt ist, die sich an Verkaufszahlen orientiert? Kaum waren wir im Begriff, mit Sigrid Löfflers Protest zu sympathisieren, macht sie ihn mit ihrer Intervention zum Nobelpreis schon wieder unglaubwürdig. Hat Sigrid Löffler nicht zudem gegenüber Reich-Ranicki wiederholt und zu Recht betont, dass „Langweiligkeit“ kein literaturkritisches Kriterium sei? Aber wer fragt nach Konsequenz im schnelllebigen Mediengeplapper.

Man kann sich an dem Nobelpreisquiz beteiligen. Wen man auch nennt: Es bleibt Small Talk. Ein wirklicher Skandal hingegen ist es, dass Raymond Chandler nie den Nobelpreis erhalten hat. Er ist für die Entwicklung seines Genres, des Kriminalromans, nicht weniger wichtig als T.S. Eliot für die moderne Lyrik oder Samuel Beckett für das Drama. Gegenüber dem extrem artifiziellen klassischen englischen Kriminalroman bedeuten seine Bücher zusammen mit jenen von Dashiell Hammett einen Paradigmenwechsel. Die Schnoddrigkeit des Erzählens, die schlagfertigen Dialoge (das „wisecracking“), die realistische Beschreibung des urbanen Milieus, den Detektiv als schlecht verdienenden Kleinunternehmer, ohne die weder der Kriminalroman noch der Kriminalfilm seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts denkbar sind, verdanken wir Raymond Chandler. Es mag ja traurig sein, wenn jemand den
Zauberberg oder die
Buddenbrooks nicht kennt. Aber wenn er niemals
Big Sleep oder
Farewell, My Lovely gelesen hat, dann ist das tragisch.
Jetzt können auch Lesefaule, sofern sie der englischen Sprache mächtig sind, das Versäumte nachholen. Elliott Gould liest ihnen auf zwei mp3-Scheiben die beiden genannten Romane ungekürzt (in mehr als sechs bzw. sieben Stunden) vor. Einen besseren Sprecher kann man sich nicht wünschen. Nicht etwa, weil Gould Chandlers Detektiv Philip Marlowe (nach Humphrey Bogart immerhin) im Film verkörpert hat, sondern weil er mit seiner tiefen, angenehmen Stimme deutlich und zugleich nüchtern artikuliert, weil er dem Text vertraut und gar nicht erst versucht, ihn zu „interpretieren“. Dass ein deutscher Verlag es wagt, so etwas auf den Markt zu bringen, kann nicht genug gewürdigt werden. Dass er mit den Verkäufen nicht sehr glücklich sein wird, lässt sich vermuten. Ein Minus bei Sigrid Löffler.
Thomas Rothschild
Chandler, Raymond: The Big Sleep. Audiobook. Crime Wave 01. Englische Version. Gelesen von Elliott Gould. Bertz+Fischer 2008. 1 MP3-CD. 360 Minuten. 19,90 Euro.
Raymond Chandler: Farewell My Lovely. Audiobook. Crime Wave 02. Englische Version. Gelesen von Elliott Gould. Bertz+Fischer 2008. 1 MP3-CD. 19,90 Euro.