Im Anfang war der Mord
Das ist bei Krimis natürlich in der Regel eine Selbstverständlichkeit, doch Guelbenzu nimmt schon alles vorweg, was die Spannung bei einer klassischen Whodunnit- Geschichte ausmacht. Carlos Sastre, wohlsituierter Urlauber aus dem feinen San Pedro del Mar an der spanischen Atlantikküste, in dem er sich alljährlich mit einer Clique etablierter Freunde trifft , dringt bei dem alten Richter Medina ein und schneidet ihm im Schlaf die Kehle durch. Danach beseitigt er kaltblütig und wohlüberlegt alle Spuren und begibt sich zurück in sein Ferienhaus, das er als Junggeselle alleine bewohnt. Natürlich schreckt die Nachricht vom brutalen Mord am Richter die illustre Gesellschaft gehörig auf und die Ermittlungen der Richterin de Marco, selbst in den Freundeskreis involviert, lassen bald darauf schließen, dass der Mörder einer von ihnen gewesen sein muss. Carlos Sastre bereut schon bald seine Tat, denn nicht nur de Marco, auch seine Freunde begeben sich auf die Suche nach dem Mörder. Das Motiv für den Mord wird zum Schlüssel für dessen Aufklärung.
Einstieg mit HindernissenZugegeben, ein wenig Langmut braucht es schon, wenn man vom furiosen Auftakt des Romans einmal absieht, bevor Guelbenzu seine Leser am Haken hat. Im ersten Drittel nimmt die minutiöse Einführung der zahlreichen Personen sehr breiten Raum ein. Wären da nicht die psychologisch feinstimmigen Reflektionen Sastres über die Auswirkungen seiner Tat auf seinen Gemütszustand, hätten wir es mit einem ziemlich belanglosen Gesellschaftsroman zu tun. Aber die Mühe lohnt, denn danach bekommt der Roman Fahrt. Mit viel weiblichem Instinkt und noch mehr Know-how kreist Richterin de Marco ihren zunächst völlig nebulösen Mörder ein, ohne zu wissen, dass dieser beinahe auf ihrem Schoß sitzt. Der Leser kann mit zunehmender Spannung verfolgen, wie Sastre langsam aber sicher die Nerven verliert, je näher die Bluthunde kommen. Und immer schwebt über allem die Frage, warum dieser Mord begangen wurde, der seinem Urheber mit der zunehmenden Gefahr der Entdeckung immer lästiger wird, nicht aus Gewissensbissen, sondern wegen des zunehmenden Drucks von außen. Da beobachtet Guelbenzu sehr genau, zerfasert die Gedankengänge seines Mörders in alle Einzelheiten und hierin liegt auch seine erzählerische Stärke, denn trotz seiner umfassenden Präzision langweilt er seinen Leser an dieser Stelle kein bisschen. Und damit führt er ihn auch ganz konsequent zum dramatischen Showdown, der allerdings in letzter Konsequenz nicht sonderlich überrascht.
Dennoch, der Gesamteindruck bleibt ambivalent, die Diskrepanz zwischen der raffiniert eingefädelten Mordgeschichte und der in Agatha-Christie-Manier beschriebenen feinen Gesellschaft mit ihren Befindlichkeiten ist recht groß. Bleibt zu hoffen, dass dieser Zwiespalt dem Erstling vorbehalten ist, denn nun ist das Personal bekannt und sein Schöpfer kann sich im nächsten Band ganz auf seine unbestrittenen erzählerischen Qualitäten konzentrieren.
Beate Mainka
José Maria Guelbenzu: Stört den Mörder nicht (No acosen al asesino, 2001). Roman. Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann. München: Bertelsmann 2008. 297 Seiten. 19,95 Euro.