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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:37

 

Jo Nesbø: Schneemann

22.11.2008

Mord nach Wetterbericht

In seinem neuen Roman Schneemann lässt Jo Nesbø den Kriminalkommissar Harry Hole zum siebten Mal ermitteln. Kein Lügner entkommt ungestraft, das ist die Botschaft dieses Buches. Dabei bleibt auch den Lesern wenig erspart: grausame Serienmorde, unmögliche Liebe, tödliche Krankheiten, einsame Kinder und Trunksucht. Eine Rezension von Judith Hammer

 

Der Roman beginnt mit dem Tag, an dem der erste Schnee fällt. Eine heimliche Affäre geht zu Ende, während ein Junge draußen im Auto wartet. Der erfahrene Leser sucht schon in dieser Rückblende nach Antworten auf die Fragen, die er noch nicht kennt, und am Ende wird er sie auch finden. Doch auf den nächsten 400 Seiten entwirft Jo Nesbø zuerst einmal seine Geschichte. Das heißt in Kapitel zwei: Auftritt Kommissar Harry Hole, in einer ernüchternden Begegnung mit dem Badezimmerspiegel.

Augenringe und Lieblingsbands


Wer ihn noch nicht kennt, vermutet zunächst einen Tatverdächtigen, der mit blutunterlaufenen Augen aus einem Alptraum erwacht. Doch früher stand es viel schlimmer um Harry, als er tagelang nicht zum Dienst erschien, weil er lieber in seiner Stammkneipe versackte. Im Schneemann geht es schon wieder aufwärts mit ihm, er ist meistens nüchtern, auch gegenüber Rakel, seiner Ex-Freundin. Diese Liebe ist aber noch nicht zu Ende. Der Kommissar nähert sich dem Täter, aber noch schneller kreist dieser Harry und Rakel ein – bis zum dramatischen Finale auf der Sprungschanze Holmenkollen mit Blick auf den Oslofjord.

Authentisch wirken auch seine anderen Figuren: Songzeilen schwirren ihnen durch den Kopf, sie graben die neue Kollegin an oder ekeln sich in der Gerichtsmedizin. Einige Male stolpert der Leser über moralisierende Sätze in ihren Gedanken: „... Leute einzusperren, die sich schon längst selbst eingesperrt hatten. In einem Gefängnis aus Hass und Selbstverachtung, das er selbst nur allzu gut kannte.“ Der Autor geht sicher, dass die Botschaft ankommt und hebt den Zeigefinger. Nesbø arbeitet die Eigenheiten der Personen heraus, manchmal so sehr, dass der Leser allein dadurch misstrauisch wird, und beginnt, die Informationen mit dem abzugleichen, was er für das Täterprofil hält. Aber dieser Einsatz wird vergeblich sein, zu komplex sind die Figuren und ihre Motive. Sogar die Weltpolitik bezieht Jo Nesbø ein, und sie trägt nicht dazu bei, Harry Hole aufzumuntern: Die Geschichte spielt Anfang November 2004, George W. Bush wird wieder gewählt.

Spannung, detailversessen


Der Grat zwischen Spannung, die mit jeder Einzelheit wächst, und einer Konstruktion, die künstlich wirkt, ist schmal, besonders in Krimis. Einerseits ist der Leser geschmeichelt, er möchte gefordert und getäuscht werden. Andererseits fügt Jo Nesbø hier und da ein Puzzleteil zu viel ein, als ob er es auf jeden Fall unterbringen möchte, jetzt, wo er es gefunden hat. Da ist etwa der Arzt, der nicht nur den norwegischen Jet Set im Wartezimmer sitzen hat, sondern auch regelmäßig Gast in einem Stundenhotel ist und dort Minderjährige trifft. Und er wohnt mit seiner Mutter zusammen und nimmt vielleicht Drogen. Spannend bleibt es trotzdem oder gerade deshalb, denn Nesbø wechselt die Perspektiven, springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und liefert im Vorbeifahren Bilder aus den Straßen von Bergen und Oslo. An den richtigen Stellen beendet er seine Kapitel und lässt seine Leser erschrocken rätselnd zurück. Dabei legt er ein solches Tempo an den Tag, dass er sich und seinem Publikum nach zwei Dritteln eine Pause in Gestalt eines Ermittlungserfolges gönnen kann. Doch das ist zu glatt, die Verdächtige stammt aus den Reihen der Polizei, und es sind noch so viele Seiten übrig. Die Aufklärung benötigt lange Ausführungen der Psychologin, die wieder detaillierte Motive enthüllen – viele Erläuterungen, die von der Begeisterung des Autors für das Thema zeugen. Das ist nichts für Ungeduldige.

Nesbøs Liebe zum Detail trifft man auch nebenbei immer wieder: Ein Kamikaze-Flieger ist ein Todesflieger, oder etwa nicht? Und woher stammt der Begriff „Deadline“? Wissensdurstige Leser mögen das. Wenn es stimmt, dass viele Autoren ihre Romane damit beginnen, dass ihnen eine Meldung, eine Statistik, ein Gerücht auffällt, dann lässt sich beim Schneemann spekulieren: War es die seltene, tödliche Erbkrankheit, oder die Dunkelziffer der Kuckuckskinder?

Der Schneemann ist spannend und ideenreich, nach der Lektüre kennt man eine neue Tatwaffe und verstörende Schneemannvariationen. Wer so tief eingetaucht ist in die Verwehungen dieses Romans mit dem schimmernden Einband, der wartet schaudernd auf den ersten Schnee.

Judith Hammer



Jo Nesbø: Schneemann (Snømannen, 2007). Roman. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Berlin: Ullstein 2008. 489 Seiten. 19,00 Euro.

 

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