Mord, Spionage, Beziehungsdrama – was denn nun?
Alles beginnt mit einer Leiche, in der drei Pistolenkugeln stecken und die in dem Kanal treibt, an dessen Schleuse der einstige Indochina-Kämpfer Dédé Lenoir seinen Dienst versieht. Der schleimige Dorfpolizist Fumet hat schnell einen Schuldigen zur Hand, Dédés Chef Coutre soll’s gewesen sein, schließlich hatte der kurz vorher Streit mit dem schnell als Kapitän eines Binnenschiffes identifizierten Toten. Doch Dédé beobachtet in der darauffolgenden Nacht Merkwürdiges an Bord des verwaisten Schiffes und wird brutal niedergeschlagen. Gemeinsam mit Kollegen und Freunden, die den Schwerverletzten verstecken, beginnt er selber nach möglichen Verstrickungen zu fahnden und entdeckt, dass alle möglichen illustren Leute in die Angelegenheit verwickelt sind. Doch damit nicht genug: Seine Frau, Tochter aus gutem Hause, die er durch seine Heirat vor der Schande eines unehelichen Kindes bewahrt hat, entzieht sich ihm zusehends und wendet sich mehr und mehr ihrer, Dédés zutiefst verhassten Familie zu. Als auch an dieser Front die Situation eskaliert, gerät er in eine schier aussichtslose Lage.
Wahrnehmbare Zeichen zukünftiger Meisterschaft
Was Amila da auf 174 Seiten an Handlungssträngen aufnimmt, ist beachtenswert, ganz gelingt es ihm noch nicht, das Wirrwarr am Ende befriedigend und logisch zu entflechten. Da versucht er einfach, zu viele Themen auf einmal unterzubringen. Das reicht von Spionageverdächtigungen über Behinderung gewerkschaftlicher Organisation bis hin zu Platzhirschkämpfen in der Befehlshierarchie der Staatsmacht, alles schon fein und gekonnt beobachtet, aber noch nicht ausgewogen und nachvollziehbar erzählt. Der Stoff hätte für drei Romane gereicht, aber erst in den 60er-Jahren offenbaren Bücher wie Mond über Omaha und Mitleid mit den Ratten, in denen Amila deutlich weniger, aber umso ausgefeiltere Motive verwendet, seine wahre Meisterschaft. Eines aber blitzt schon jetzt auf, nämlich Amilas Gespür für menschliche Beziehungen, speziell zwischen den Geschlechtern, für die feinen Nuancen und Zwischentöne, die er benutzt, um seine Figuren um- und anzutreiben. Gerade die Distanz in der Ehe zwischen Dédé und seiner Frau – sie siezt ihn übrigens vorwiegend – sorgt für zunehmende Spannung, je tiefer beide in den Sog der katastrophalen Ereignisse hineingeraten. Da wird bereits deutlich spürbar, dass sich jemand anschickt, ein Großer zu werden.
Bleibt betrüblicherweise noch zu erwähnen, dass die Übersetzung – verantwortlich zeichnet ein Übersetzerkollektiv der Universität Mainz/Germersheim – teilweise seltsame Blüten treibt: „Sie hatte den Blick einer Ertrinkenden, die in ein Element eintaucht, in dem kein Leben mehr möglich ist.“ (S. 64). O weh! Ebenso hat das Lektorat an einigen Stellen auf die dringend notwendigen Korrekturen verzichtet, was das Lesevergnügen dann doch schmälert.
Vielleicht basiert der getrübte Lesegenuss aber auch darauf, dass Conte mit Mond über Omaha gleich mit einem der besten und dichtesten Romane Amilas in die Reihe eingestiegen war. Wer Jean Amila kennenlernen möchte, sollte eher dazu greifen als zu Motus, das sei ganz deutlich und laut gesagt!