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Wolfram Fleischhauer: Der gestohlene Abend

06.12.2008

Gepflegte Langeweile

Schade, eigentlich zählt Wolfram Fleischhauer zu den wenigen Autoren deutscher Zunge, die gekonnt anspruchsvolle Themen auf unterhaltsame Weise an den Leser bringen können. Doch sein neuester Roman zählt leider zum Schwächsten, was er bisher abgeliefert hat. Ein bedauernder Blick von Beate Mainka

 

Literaturwissenschaften für Anfänger

Matthias Theiss, Berliner Student der Literaturwissenschaften, geht 1987 an die renommierte Hillcrest University in Kalifornien, um seinem Studium neue Impulse zu geben. Doch der Zugang zu bestimmten hochkarätigen Seminaren bleibt ihm, dem Ausländer, zunächst verwehrt. Das ändert sich erst, als er den Star unter den Studenten, David, und dessen hinreißende Freundin Janine kennenlernt. Matthias verliebt sich in Janine, die verlässt David, aber David sucht weiterhin engen Kontakt zu Matthias. Warum? Erst allmählich dämmert es dem Deutschen, dass David etwas herausgefunden hat, das sich unter den Lehrenden der Uni zu einem Skandalon ausweiten könnte. Dann stirbt David bei einem Brand in der Bibliothek und Matthias setzt alles daran, dessen Geheimnis herauszufinden, auch als Janine sich plötzlich gegen ihn wendet.

Eigentlich klingt das ganz spannend, doch das grundlegende Problem des Romans ist, dass sich auch der geneigteste Leser erst einmal durch 200 Seiten literaturwissenschaftlicher Exkurse kämpfen muss, bevor überhaupt irgendetwas Nennenswertes passiert. Wer bis dato nicht aufgegeben hat, bekommt jetzt den Höhepunkt des Spannungsbogens mit voller Wucht um die Ohren gehauen und wacht auf. Also hat sich das Ausharren gelohnt? Mitnichten, denn all die langsamst aufgebauten Handlungsstränge der Vorgeschichte verpuffen ohne befriedigende Auflösung. Dafür erfahren wir in aller Breite von den bösen Verirrungen des Starprofessors in der Nazizeit (ach, wie originell!) und folgen Matthias durch zahlreiche Bibliotheken bei seinen Recherchen. Darüber schwebt drohend das sich anbahnende Zerwürfnis der Liebenden, doch die Wahrheit ist nun mal das höchste Gut des Deutschen.

Er kann besser!

Die Crux an Fleischhauers Roman ist, dass das Sujet starke Parallelen zu dessen eigener Biografie aufweist. Wie sein Held wendet sich Fleischhauer (geb. 1961) nach dem Studium von der Literaturwissenschaft ab und arbeitet seither als Konferenzdolmetscher und freier Autor. Doch warum misslingt ihm dann gerade dieser Roman so sehr? Bereits sein Erstling Die Purpurlinie (1996) zeugte von seiner Begabung für intelligent erzählte Unterhaltung, sein Roman um Tango und Leidenschaft Drei Minuten mit der Wirklichkeit (2002) zählt nach meinem Dafürhalten zu den schönsten, unprätentiösesten Liebesgeschichten überhaupt. Zum einen liegt es wohl daran, dass er die Geduld seiner Leser auf eine harte Probe stellt, indem er ihnen die literaturwissenschaftlichen Diskussionen der späten 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts ausführlichst darlegt. Eine so tiefgreifende Theoretisierung ist für den Spannungsaufbau eines Romans tödlich und gehört eher in eine wissenschaftliche Abhandlung. Hinzu kommt, dass Fleischhauer seine Leser auch dort enttäuscht, wo er seine großen Qualitäten aufblitzen lässt, nämlich, kunstvoll verwobene Handlungsstränge gekonnt aufzudröseln. Auch hier Fehlanzeige! Weder Davids Tod – Mord oder Selbstmord – wird geklärt, noch erfährt das Geschehen um den Professor mit der unseligen Vergangenheit eine hinlänglich zufriedenstellende Erklärung. Jahre später machen alle Protagonisten irgendetwas anderes. Intelligente Unterhaltung geht anders, auch und besonders bei Wolfram Fleischhauer.

Beate Mainka


Wolfram Fleischhauer: Der gestohlene Abend. Roman. München: Piper 2008. 363 Seiten. 19,90 Euro.


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