Es menschelt im fünften Fall des Ermittlerduos Tony Hill und Carol Jordan. Die von Val McDermid geschaffene Serie muss also erfolgreich sein, denn es gibt einen fünften Teil und – so fürchte ich – es wird weitere Morde für das Team geben. Es menschelt, denn Carol Jordan ist alkoholabhängig, der Profiler Hill hat eine übermächtige Mutter, die eine lesbischen Ermittlerin ist traumatisiert, die andere eigentlich auch. Der karrieresüchtige aufstrebende Constable mit Migrationshintergrund verbirgt auch Tiefen, und die vibratorschwingende Nerd-Frau Stacey fühlt sich eigentlich einsam. Bei soviel Menschlichkeit verwundert es nicht, dass auch die potenziellen Mörder des strahlenden Fußballstars ganz arme Wichte sind. Es „politelt“ darüber hinaus noch in Bradfield, denn die Autorin lässt es sich nicht nehmen den potenziellen islamischen Fundamentalisten Yousef einzubringen, der nur zu gut versteht, „wie brüchig die Brücke zwischen den beiden Kulturen war, die von seiner Generation verlangt wurde“.
Drei durch Gift verursachte Mordfälle, die zunächst in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen – einer davon am Fußballstar von Bradfield Victoria, Robbie Bishop –, halten die Ermittler/innen des Teams von Carol Jordan in Atem. Es gibt keine heiße Spur, keine Feinde nur die geheimnisvolle Angst, der Täter könnte sich bereits sein nächstes Opfer suchen. Ein gefundenes Fressen für den auf Serientäter spezialisierten Profiler Tony Hill, der zwar durch eine Axtattacke lädiert in Krankenhaus liegt, aber dennoch fähig und willens ist, seine Kollegin Jordan zu unterstützen, in die er zudem heimlich verliebt ist (menschel!). Mit zahlreichen Perspektivwechseln untermalt sucht McDermid Spannung zu erzeugen, denn alle Detectives verfolgen unterschiedliche Theorien und die Leser/innen sollen ihnen dabei folgen. Um der dürftigen Story Fleisch zu geben, werden Nebenschauplätze wie Rassismus, Sexismus und Ausgrenzung sowie unerfüllte Liebe, schiefgegangene Fälle der Vergangenheit und daraus folgende Schuldgefühle regelmäßig eingestreut.
Mein Interesse hat bereits beim Satz „Während Angst an Carol wie eine Ratte an einem Knochen nagte, folgte sie der Wegbeschreibung“ auf Seite 40 deutlich nachgelassen. Statt eines axtschwingenden Täters schlich sich das Bild einer holzschnittartig formulierenden Autorin in meinen Kopf, das sich so gar nicht mit der Frau deckt, die auch „Echo einer Winternacht“ verfasst hat …Mit dem Auftauchen weiterer Akteure (siehe oben: Migration, Vibrator, Terror und Mutter-Trauma) verbessert sich die Situation sich leider nicht, und lediglich die wegen eines verklemmten Nervs eingenommenen Ibuprofen ermöglichten es mir, im Dämmerzustand bis Seite 304 zu kommen. Dann begann erneut ein Dialog zwischen Profiler und imaginiertem Täter, die Ibuprofen ließen nach und Langeweile nagte an mir. Weiter im Text trug mich nur mein Glaube, dass Val McDermid eigentlich eine talentierte Schriftstellerin ist, es sich vielleicht um lauter Übersetzungsfehler handelt und am Ende sich vielleicht alles als eine Persiflage auf schlechte Krimis herausstellt. Also, die nächste Ibuprofen und weiter …
Aber nein,
Schleichendes Gift ist keine Persiflage. Es menschelte weiter, die ganzen verbleibenden 200 Seiten durch – jeder kann verstanden werden, alle sind eigentlich ganz traurig und zwischendurch werden Menschen getötet. Handlungsstränge sind willenlos eingebaut und verlieren sich wieder, da nützt mir auch der ganze Psychologen-Wust nichts. Ich hätte auf Seite 40 aufhören sollen oder zum verklemmten Nerv noch eine Grippe haben müssen, um das zu ertragen.
Sabina Schutter
Val McDermid: Schleichendes Gift (Beneath the Bleeding, 2007). Roman. Deutsch von Doris Styron. München: Knaur Tb 2008. 535 Seiten. 8,95 Euro.

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