Wenn das Herz immer schwächer schlägt, die lebenswichtigen Organe kollabieren und das Gehirn ins Koma zu fallen droht, helfen nur noch die Mittel der Brachialmedizin. Starke Stromschläge – „Bitte von der Bettkante zurücktreten!“ – damit sich der Körper noch einmal aufbäumt und dem Exitus ein Schnippchen schlägt. Doch wer liegt auf Leben und Tod danieder? Die Kriminalliteratur selbst oder nur die Konsumentenschaft derselben? Keine Frage indes, welches Werkzeug zurzeit am wirkungsvollsten am moribunden Leib eingesetzt wird: Stieg Larssons „Milleniums-Trilogie“.
Buchhändler raunen es ihrer spannungssüchtigen Kundschaft als „Geheimtipp“ in die Ohren, die Leserschaft überschlägt sich und wähnt die gut 2000 Seiten Larsson als „Höhepunkt des Genres“, bedauert den frühen Tod des Autors mit 50 und strickt – man glaubt es kaum – auch schon munter an Verschwörungstheorien, war doch der Mann auch noch „Experte für Rechtsextremismus“ und folglich zum Opfer eines Mordanschlages prädestiniert.
Dabei beginnt die Trilogie (
Verblendung, 2006;
Verdammnis, 2007;
Vergebung, 2008) recht ordentlich und vielversprechend. Der Journalist Blomkvist hat bei einer Enthüllungsstory über die betrügerischen Machenschaften eines Konzerns Mist gebaut und muss in Bälde eine Gefängnisstrafe absitzen. Bis dahin recherchiert er im Auftrag eines Multimillionärs über den Verbleib von dessen Enkeltochter, die vor Jahrzehnten spurlos verschwand. All das geschieht sehr langsam, Detail um Detail – und so schreibt Larsson auch. Und diese Behäbigkeit passt durchaus. Würde sich
Verblendung in diesem Rahmen bis zum Ende bewegen, kein Hahn hätte danach gekräht, ein paar wohlmeinende Rezensionen, der übliche „Abverkauf“, wie ihn ein Noname im Segment Schwedenkrimi erwarten darf – mehr nicht.
Doch dann, irgendwann, taucht SIE auf: Lisbeth Salander. Zierlich, knabenhaft, verschlossen: eine Autistin, eine „Savante“. Savants, die meistens, aber nicht immer autistisch strukturiert sind, entwickeln verblüffende Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet. Sie sind mathematische Genies oder verfügen über ein fotografisches Gedächtnis, eine Schädigung der linken Gehirnhälfte, die durch die rechte kompensiert wird, könnte Ursache sein, soziale Isolation ebenfalls. Allen gemein ist jedoch, dass sie unwichtiges Wissen nicht von wichtigem unterscheiden können. Das also ist Lisbeth Salander, und ihr Auftritt verändert alles.
Ab sofort wird, bis zum bitteren Ende der Trilogie, nur noch mit Superlativen gearbeitet. Lisbeth hat einen amtlich bestellten Vormund, der sie missbraucht. Nein, Korrektur: Lisbeth hat den weltübelsten Vormund, der sie auf die bestialischste Weise missbraucht. Lisbeth rächt sich. Nein, wieder Korrektur: Lisbeth rächt sich, wie sich noch nie ein Mensch gerächt hat. Lisbeth ist eine Savante. Nein, falsch: Sie ist eine Ansammlung von Savant-Eigenschaften, ihre Begabung ist nicht einseitig. Lisbeth entpuppt sich als begnadete Computerfachfrau, als souveräne Wirtschafts- und Finanzexpertin, die mal eben zig Millionen einsackt, Lisbeth, die wie gesagt Zierlich-Knabenhafte, ist auch physisch so gut wie unbesiegbar. Lisbeth, zu sozialen Kontakten ja nicht geschaffen, bewegt sich im Sozialen wie ein Fisch im Wasser. Gut, manchmal hat sich Larsson an die Ausgangssituation erinnert, dann muss Lisbeth wieder die kleine Unbeholfene spielen. Das ändert nichts am Offensichtlichen: Lisbeth ist eine Superheldin, unsterblich dazu. Plausibler Höhepunkt: Lisbeth wird als tot verscharrt – und schaufelt sich mit bloßen Händen aus ihrem eigenen Grab.
Ironie, superlativistischste?Auch alles um sie herum kommt nicht mehr ohne Superlative aus. Blomkvist ist atemberaubend gut. Blomkvist schleppt spielend jede Frau ins Bett. Die Bösewichte sind absolute Bösewichte, einer gar schmerzunempfindlich. Lisbeth hat eine familiäre Vergangenheit, und auch sie ist das Entsetzlichste, was sich ein Menschenhirn ausdenken mag. Die Politik, die Geheimdienste: abgrundtief böse. Die Polizei nennt Frauen grundsätzlich „Fotzen“ und ist, man ahnt es, bis auf die Knochen rassistisch, faschistisch. Nicht dass dies thematisiert würde. Es wird eben erwähnt, ist schließlich „Schwedenkrimi“, gehört dort einfach dazu.
Unerreicht auch die Ambition des Autors, seinen Lesern das Denken abzunehmen. Nichts, aber auch gar nichts bleibt unkommentiert, keine Belanglosigkeit ungeschrieben. Wird etwa in einem bekannten schwedischen Möbelgeschäft eingekauft, serviert Larsson gleich einen länglichen Auszug aus der Produktpalette, genaueste Spezifikation der Waren inklusive. Und so weiter.
Nun ist Kriminalliteratur, historisch betrachtet, gerade wegen ihrer Tendenz zum Superlativen zu dem geworden, was sie ist, einem äußerst populären, global geschätzten Genre, an dem gerade das Spiel mit den Extremen reizt. Bereits die Prototypen – Poes Auguste Dupin, Conan Doyles Sherlock Holmes – sind geistige Superhelden. Peter O'Donnells Modesty Blaise, die Larssons Lisbeth Pate gestanden haben dürfte, vereint Intelligenz und körperliche Wehrhaftigkeit in Perfektion, ja, selbst die fernsehberühmte Emma Peel trägt das Attribut „super“ unübersehbar an ihrer hautengen Ledermontur. Doch all das hatte gute Gründe. Poe und abgeschwächt auch Conan Doyle unterstrichen damit das Primat der Ratio in einer Welt, die immer rationaler wurde, O'Donnell schuf Modesty Blaise als ein Zwitterwesen zwischen Gut und Böse (sie war schließlich einmal Chefin einer Gangsterbande und bekämpft jetzt eben diese Gangster) mit traumatischem Hintergrund (der Krieg hat sie zur Heimatlosen, Missbrauchten gemacht) und natürlich ist Modesty ironisch. Sogar Emma Peel ist nicht einfach Superfrau. Sondern auch der in eine arrogant-dekadent dominierende Männerbündelei getriebene Keil ironischer Weiblichkeit.
Duck & cover – KlischeebombenAber Lisbeth Salander? Ist von alledem und allem anderen nichts. Eine Ansammlung gröbster Klischees, wahnwitziger Übertreibungen, die inmitten nicht weniger grober Klischees zum Gaudium des Publikums agiert. Sie ist, wenn überhaupt, die besonders clever ersonnene Wiedergängerin der Groschenhefthelden, clever, weil Larsson vorgibt, sie bewege sich in einer wirklichen, kritisch beleuchteten Welt, dessen Opfer sie wurde und die sie jetzt als omnipotente Rächerin wieder in Ordnung bringt.
Doch, das ist clever. Und nichts gegen Larsson. Er hat gute Arbeit geleistet und seinem Publikum das hingeworfen, was Leseratten am liebsten zernagen: gefühlssatte Allmachtsphantasien, servierfertige Gesellschaftskritik, schockierenden Sex, dem man in bequemer Bigottheit zugleich atemlos konsumiert und langatmig verdammt. Selbst dagegen wäre nichts einzuwenden. Lesefutter halt. Nur: Dann soll man es auch so nennen und die dafür zusammengeschraubte "Kriminalliteratur" gleich mit: zum Zwecke der Bedürfnisbefriedigung fabrizierte Unterhaltungstexte mit eingebauten Gewissensberuhigern. Oder: Jerry Cotton für denkende Menschen, die nicht denken wollen. Oder wie auch immer.
Der Patient, der da seinen Verstand aushaucht und auf gröbste Wiederherstellung hofft, ist der Leser. Und die um sein Krankenbett versammelte Ärzteschaft bemüht sich redlich: noch mehr geschändete Kinderleichen, dazu ein paar lustige Morde mit integrierten Kochrezepten und Fremdenverkehrsinfos, lehrreiche „historische“ Krimis, deren Kennzeichen das Ahistorische ist – und eben auf Kollateralschäden ausgelegte Klischeebomben wie Larssons Trilogie. Wir wünschen gute Besserung.
Dieter Paul Rudolph
Stieg Larson: Verblendung. Roman. Deutsch von Wiebke Kuhn. Heyne 2008. 9,95 Euro.
Stieg Larson: Verdammnis. Roman. Deutsch von Wiebke Kuhn. Heyne 2008.
Stieg Larson: Vergebung. Roman. Deutsch von Wiebke Kuhn. Heyne 2008.

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