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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:38

 

Ross Thomas: Am Rand der Welt

13.12.2008


Inszenierte Anarchie

Wie vermittelt man Weltpolitik? Indem man sie erzählt. Wenn Ross Thomas das tut, funktioniert es sogar. Ein Plädoyer für gute Bücher von Dieter Paul Rudolph

 

Wer einen Diktator stürzt, ist nicht immer ein guter Mensch. Als sich 1986 „das Volk“ der Philippinen gegen den Potentaten Ferdinand Marcos erhob und ihn mitsamt seiner nicht minder fürchterlichen Ehefrau Imelda aus dem Land jagte, schlagzeilten die Häppchen-News gewohnt griffig-optimistisch und prognostizierten nicht weniger als Demokratie. Die Realität gab sich nüchterner: Ein anderer der herrschenden Familienclans war an die Macht gelangt und finster entschlossen, diese sofort mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. So tun als ob, das Banner von Gerechtigkeit und Wohlfahrt aufziehen, gehörte zum Plan. Aber kann man so etwas wirklich planen? Davon erzählt Ross Thomas auf seine unübertroffene Art in Am Rand der Welt.

Booth Stallings, „Terrorismusexperte“, erhält ein so delikates wie lohnendes Angebot. Alejandro Espiritu, legendärer Führer des kommunistischen Untergrunds der Philippinen, soll mit fünf Millionen Dollar aus den Bergen gelockt und zum sorglosen Lebensabend nach Hongkong ausgeflogen werden. Er stört die Kreise gewisser Industrieller, denen die Stabilität in der Nach-Marcos-Ära das gemessen am erwarteten Profit überschaubare Sümmchen wert ist. Espiritu und Stallings kennen sich aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als sie ihre Neigungen zum Terrorismus gegen die japanischen Besatzer auf den Philippinen praktisch umsetzten. Stallings nimmt das Angebot an, spekuliert indes nicht auf die in Aussicht gestellte halbe Million Honorar, sondern den Gesamtbetrag.
Um seinen Plan in die Tat umzusetzen, heuert Stallings das Pärchen Artie Wu und Quincy Durant sowie deren aus dem Thomas’schen ¼uvre gut bekannten sideman „Otherguy“ Overby an. Die von den Auftraggebern ins Team lancierte Georgia Blue, Geheimdienstlerin und Bodyguard, komplettiert das Quintett. In Manila angekommen, entwickelt Artie Wu (legitimer Anwärter auf den chinesischen Kaiserthron übrigens, sagt er) eine natürlich geniale Strategie, wie man sich der fünf Millionen bemächtigen kann. Und auf geht’s nach Cebu, wo Espiritu und die Seinen sowie eine Menge Komplikationen schon warten.

Spätestens jetzt wird vom Leser erhöhte Aufmerksamkeit verlangt. Dass ihm Ross Thomas Artie Wus Plan nicht die Bohne expliziert, mag man ja noch als notwendigen dramaturgischen Kniff verdauen. Das nun folgende muntere Seiten- und Gesinnungswechseln aber bleibt mysteriös. Gehört das alles wirklich noch zum Plan oder ist dieser, bevor seine Umsetzung überhaupt begonnen hat, längst aus dem Ruder gelaufen? Wer wird hier wen betrügen? Anarchie oder perfekte Inszenierung?

Die Story gibt sich auf allen Ebenen verwirrend. Nicht nur das Personal verändert beständig seine moralischen Positionen, alles andere gerät ebenso gehörig ins Wanken. Stecken tatsächlich Geschäftsleute hinter dem Coup? Oder doch der amerikanische Geheimdienst? Gar der exilierte Marcos selbst? Man tröstet sich damit, dass am Ende schon alles ans Tageslicht kommen wird. Kommt es ja auch – bis auf den entscheidenden Punkt: Plan oder nicht Plan? Selbst Wu und Durant, die in Am Rand der Welt merkwürdig passiv bleiben, werden nach erfolgter Transaktion rätseln, wie denn alles abgelaufen sei. Die Ereignisse leben bis zum Schluss von der Dynamik der Improvisation, einer fast bis zum Fatalismus kulminierenden Ratlosigkeit, die von Wu und Durant scheinsouverän verkauft wird.

Nun, der Plan des Autors ist jedenfalls aufgegangen. Er hat die Komplexität der historischen Ereignisse auf das Niveau einer spannenden, wie gehabt meisterlich verästelt erzählten Geschichte heruntergeholt und dabei das Kunststück geschafft, diese Komplexität nicht zugunsten der beliebten „verständlichen Darstellung“ aufzugeben. Vielmehr werden durch Verdichtung Strukturen offengelegt. Die verwirrenden Winkelzüge bei den Akteuren, die Intrigen und Ränkeschmiedereien innerhalb der nicht ohne Grund als Familienclan porträtierten Widerstandsgruppe, ein moralisch geschecktes Personal – all das ist ein Abbild des Großen-Historischen. Und das wiederum atmet so gar nicht den Geist des Überlegten und Planvollen, im Gegenteil. Die Geschichte, lehrt Thomas, gründet sich auf eine Architektur aus Willkür und Eigennutz, Ideologien und sonstige Überzeugungen entstehen so rasch wie sie wieder zerfallen. Ermutigend ist das nicht. Erhellend schon.

Dieter Paul Rudolph



Ross Thomas: Am Rand der Welt. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant Fall. (Out o­n the Rim, 1986). Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Behrens. bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen. Berlin (Alexander Verlag) 2008. 406 Seiten. 14,90 Euro.


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