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Zoran Zivkovic: Das letzte Buch

02.01.2009

Die Buchhandlung als lebensgefährlicher Ort

Wer glaubt, dass eine Buchhandlung ein sicherer Ort für Leib und Leben ist und das Lesen zu einer der harmlosesten Beschäftigungen überhaupt zählt, wird nach der Lektüre dieses Kriminalromans umdenken müssen. Der serbische Autor Zoran ´ivković (Jahrgang 1948) wählt ausgerechnet dieses vertraute Ambiente zum Schauplatz eines reichlich surrealen Plots. Aber das hilft ihm auch nichts, wie Beate Mainka herausfinden musste …

 

Lesen als tödliche Bedrohung

Es sieht nach einem ganz gewöhnlichen Herzinfarkt aus, an dem der ältere Herr bei der Lektüre eines Buches im gemütlichen Lesesessel der Belgrader Buchhandlung „Papyrus“ verschieden ist, und Kriminalkommissar Dejan Lukić begleitet mehr aus Neugier denn aus ernsthafter Besorgnis den Pathologen. Das gibt ihm allerdings die Gelegenheit, das liebreizende Fräulein Gavrilović, Inhaberin der Buchhandlung, kennen- und lieben zu lernen, denn auch Lukić studierte einst Literatur. Die Autopsie ergibt allerdings keine verifizierbare Todesursache, und als an den darauffolgenden Tagen noch zwei weitere kerngesunde Kunden im „Papyrus“ beim Lesen das Zeitliche segnen, steht Lukić vor einem Rätsel. Die einzige Spur, die er aufnehmen kann, ist das letzte Buch, das bei allen Toten auf merkwürdige Weise verschwindet und das im Zusammenhang mit all den seltsamen Leutchen zu stehen scheint, die die Buchhandlung regelmäßig bevölkern. Und dann mischt auch noch der Geheimdienst mit und bespitzelt die Ermittelnden.

Fantasy meets Crime

Spätestens an dieser Stelle driftet ´ivković, der übrigens über Science-Fiction promovierte, ins Fantastische ab, denn jetzt taucht eine Geheimgesellschaft auf, die mithilfe des letzten Buches eine Art Weltherrschaft anstrebt und auch nicht zögert, dieser Idee den armen Kommissar zu opfern. Zwar haut den der serbische Geheimdienst wieder heraus, ganz konkret, doch die Auflösung, auf die die Geschichte zustrebt, wirkt so abgedreht, als hätte der Autor dem Funktionieren seiner eigenen Idee am Ende nicht mehr ganz getraut. Da wirken die sechs Toten wie beiläufige Kollateralschäden. Das schmälert nicht zuletzt den guten Eindruck, der gerade durch die warmherzig geschilderte Liaison zwischen Buchhändlerin und Kommissar und die lakonisch-witzige Beschreibung all der skurrilen Buchhandelskunden entstanden war. Seine erzählerische Stärke entwickelt ´ivković in den Schilderungen der alltäglichen Abläufe und den Begegnungen seiner Personen, überhaupt überzeugt er am Ehesten da, wo es um Zwischenmenschliches geht.

Ich lasse mich gerne von einem Autor mit einer ungewöhnlichen Wendung in der Handlung überraschen, auch jenseits der Logik, aber er muss überzeugend in seiner Schlüssigkeit sein. ´ivković gelingt das trotz aller literarischen Kunstfertigkeit nicht, auch wenn er seinen Kommissar selber zu einem Erklärungsversuch herbeizieht: „Vielleicht ist sie gar nicht unnatürlich“, sagte ich. „Wir müssen nur die Definition der natürlichen Erklärung erweitern.“ (S. 203). Na also, so einfach ist das!

Offensichtlich wusste auch der dtv-Verlag nicht so recht, in welche Schublade er diesen ungewöhnlichen Roman einsortieren sollte. Das Etikett „postmoderner Thriller“ vom Cover zeugt von Hilflosigkeit, und der schwarze Humor entlockt allenfalls ein müdes Lächeln. Auch dem geneigtesten Leser wird es schwerfallen, die unterschiedlichen Facetten dieses Büchleins zu einem ungetrübten Lesegenuss zu vereinen. Gefährlich ist dessen Lektüre beileibe nicht, auch nicht für eine ausreichende Nachtruhe.

Beate Mainka



Zoran ´ivković: Das letzte Buch
(Posledna knjiga, 2007). Aus dem Serbischen von Astrid Philippsen. München: dtv 2008. 222 Seiten. 9,95 Euro.

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