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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:38

 

Daniel Twardowski: Tod auf der Northumberland

17.01.2009


Ein halber Krimi

Dieser Roman könnte eine Frechheit sein. Er könnte krachend misslingen. Und tut es, überraschenderweise, doch nicht. Na also, nicht, dass wir grundsätzlich was gegen Historien-Grimmis hätten. Urteilt gerecht Dieter Paul Rudolph ...

 

So beginnen proppenvolle Geschichten: ein schäbiger Detektiv, der gerade einen Fall vermasselt hat und schleunigst die Stadt verlassen muss; eine junge Klientin, die ihn zu einer ausgedehnten Schiffsreise einlädt; zwei mysteriöse Morde. Und dann kommt alles ganz anders, und man weiß nicht genau, warum. Eine auf ökonomischem Kalkül basierende Frechheit des Autors? Oder versteckt sich dahinter ein höherer Sinn? Aber der Reihe nach ...

1865. Der New Yorker Privatdetektiv John Gowers, gebürtiger Engländer, hat es sich mit einem ebenso nachtragenden wie mächtigen Auftraggeber verscherzt und muss die Stadt verlassen. Wie bestellt taucht die junge Emmeline auf, Tochter des designierten Gouverneurs von St. Helena und gerade auf Zwischenstation in der Stadt. Ihr Vater wurde auf dem Schiff erhängt aufgefunden – Selbstmord, wird angenommen, aber Emmeline glaubt das nicht. Gowers begibt sich an Bord der „Northumberland“, um – als Bruder seiner Klientin getarnt – den Fall aufzuklären.

Northumberland & Northumberland


Dieses Schiff hat eine Geschichte. 1815, genau ein halbes Jahrhundert vor Gowers’ Fahrt, brachte es Napoleon zu seinem letzten Verbannungsort St. Helena. Viele Legenden ranken sich seither um das ehrwürdige Schiff, und dass eine davon etwas mit dem Tod des Gouverneurs und einiger anderer zu tun haben muss, ahnt man als Leser schnell.
Das klingt alles nach „historischen Krimi“ à la mode, doch Twardowski (übrigens ein deutscher Autor) spinnt parallel dazu einen zweiten Handlungsstrang. Während man mit Gowers AUF der „Northumberland“ fährt und die mühseligen Aktivitäten des Detektivs verfolgt, befindet man sich gleichzeitig IN Northumberland, genauer: in den dortigen Kohlebergwerken, wo lebendig begrabene Menschen in ständiger Lebensgefahr schuften. Auch Frauen und Kinder, eines davon der kleine John Gowers an der Seite seiner Mutter, einer Pfarrerstochter, die durch Heirat sozial abstürzte und, Witwe eines Bergarbeiters, selbst in das Inferno des Kohleabbaus hinabsteigen muss. Nun sind solche biografischen Nebenhandlungen nicht ungewöhnlich; im Gegenteil. Bei Twardowski jedoch ist es keine Nebenhandlung, sondern steht auch quantitativ gleichberechtigt neben der eigentlichen „See- und Mordgeschichte“. Da zudem die Reise des gestürzten Kaisers in die Einsamkeit des Südatlantiks in einigen Kapiteln begleitet wird, zerfasert der eigentliche KRIMINALroman bedenklich.

Und wozu das alles? Man hat einen schrecklichen Verdacht. Die beinahe Dickens’schen Ausschweifungen in das Elend englischer Minenarbeiter (mit dem Schwerpunkt auf den sexuellen Exzessen unter Tage) könnten einzig dazu dienen, Tod auf der Northumberland als Beginn einer veritablen Romanreihe zu etablieren. In den nächsten Büchern werden uns weitere Schwänke aus dem Leben des Protagonisten serviert, war der doch auch Teilnehmer des amerikanischen Bürgerkriegs und einer Polarexpedition.

Chuzpe gewinnt ...


Das ist frech, das zeugt von Chuzpe – und gelingt dennoch. Die Ereignisse auf der „Northumberland“ werden pointiert und mit manch pittoreskem Detail abgearbeitet (unter anderem erfährt der Leser, dass es sich beim „Kielholen“ nicht um Aqua-Wellness handelt), das harte Leben des jungen Gowers präsentiert sich effektvoll in Szene gesetzt. Dass dieser Roman nicht an der Erbkrankheit seiner historischen Artgenossen, der Faktenhuberei, leidet, tut das Seine. Einige dramaturgische Durchhänger und Ungenauigkeiten seien verziehen, erzählt wird das alles sehr routiniert und kurzweilig, ein bunter Reigen aus Geschichten, der den naturgemäß häufig unterbrochenen Spannungsbogen vergessen lässt.

Eine Art Doppelroman also, für Freunde der Literaturgeschichte vielleicht eine Mogelpackung wie Wilhelm Raabes Stopfkuchen (auch eine, sogar im Untertitel als solche deklarierte „See- und Mordgeschichte“, die keine ist), dessen vorgebliche Kriminalhandlung dazu dient, eine ganz andere, biografische Geschichte zu erzählen. Prosaischere Naturen indes sehen in Twardowskis Werk einen Fall von nüchtern kalkulierter Leserbindung. Man möchte schließlich wissen, was aus dem Jungen wird, der da zwölfjährig und mutterlos im harten England des Frühkapitalismus zurückgeblieben ist. Und Twardowski, so viel steht fest, wird sich nicht lumpen lassen und seinen Detektiv bald wieder in ein neues Abenteuer und ein weiteres Teilstück seiner Biografie schicken. Soll er ruhig.

Dieter Paul Rudolph



Daniel Twardowski: Tod auf der Northumberland. Ein Fall für John Gowers. Goldmann 2009. 346 Seiten. 7,95 Euro.

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