In Doyles Augen war Poes große Leistung, dass er den ersten Detektiv der Literaturgeschichte erschaffte. Und ihm einen Gehilfen an die Seite gab und so die typische „Watson-Perspektive“ entwickelte, die ihm möglich machte, den Detektiv bei seinen Ermittlungen glaubhaft zu präsentieren. Die Verwendung dieser Watson-Figur erlangte bei Sir Arthur Conan Doyle dann ihre Perfektion. Von daher auch dessen Dankbarkeit gegenüber Poe.
Aber heute soll es ja nicht um Detektivgeschichten gehen, nein, Poe hat auch noch die fantastische Literatur unendlich bereichert. (Bitte fantastische Literatur nicht verwechseln mit Fantasy, oder nennen Sie Champagner etwa französischen Schaumwein? Hier steht Kultur gegen Betäubung.) Selbst das Horrorgenre verdankt Poe so unsagbar viel. Und genau hier haben wir noch ein zweites Jubiläum zu feiern: 170 Jahre
Untergang des Hauses Usher. Diese Kurzgeschichte hat Poe wohl geschrieben in Erinnerung an seine Kindheit in Schottland und England. Dort war er nämlich zur Schule gegangen. Und die Welt des Adels mit seiner weit zurückreichenden Geschichte hat auf den jungen, demokratischen Amerikaner wohl tiefen Eindruck gemacht. Poes Erzählung lässt sich deshalb mit einigem Grund auch als Gleichnis auf die alte europäische Gesellschaftsform lesen, die in ihrer inzestuösen Degeneriertheit kurz vor dem verdienten Untergang steht. Old Europe eben. Aber wir finden hier auch einige von Poes Lieblingsmotiven wieder: Irrsinn und Rausch, das lebendig Begrabenwerden und die Wiederauferstehung.
Der Ich-Erzähler tritt in eine wahrhaft schaurige Welt ein und wird einige Zeit später Zeuge des Zerfalls und des Untergangs derer von Usher. Im alten Familienschloss lebt Roderick gemeinsam mit seiner Schwester Madeline. Einst wurde dort noch getanzt und gelacht. Nun singt Madeline von den alten Tagen und von den Vorfahren, was Roderick immer unerträglicher wird. In seiner pathologischen „Schärfung der Sinne“ klingt das alles für ihn wie grausiges Höllengelächter. Der stetig anwachsende Horror treibt Roderick schließlich dazu, seine Schwester bei lebendigem Leibe einzusargen. Doch schon bald hört er kratzende Geräusche und Verzweiflungsschreie. Der Freund möchte ihn nun mit einer alten Heldengeschichte ablenken, die Geschehnisse darin fallen aber auf seltsame Weise mit denen im Hause Usher zusammen. Und dann steht Madeline plötzlich leibhaftig und blutüberströmt vor den beiden. Der Schock tötet Roderick, der Erzähler flieht und sieht das Haus hinter sich zusammenstürzen. So weit die Fabel. Und keine Angst, es ist Ihnen hierdurch rein gar nichts vom Schauer genommen.
Diese Kurzgeschichte wird durch ihre Geschlossenheit und souveräne Sprachkunst zu den besten Erzählungen von Poe gezählt. Der Sog ist immens, die Atmosphäre so klamm, das ein Entkommen daraus unmöglich erscheint, selbst für Sie als Hörer. Das Schöne daran, man darf sich in sorglosester Unterhaltungsmanier davon einfangen lassen, ja komplett in den usherschen Irrsinn wegtauchen und das mit dem wohligen Gefühl, in großer Literatur zu plantschen. Das heißt falls Sie nun unvermittelt ein gewisses Interesse an den literarischen Untiefen dieses Werkes zeigen sollten, an dessen Symbolgehalt und psychologische Dichte, dann seien Sie herzlich willkommen geheißen. Denn glauben Sie mir, Sie werden weit mehr finden als nur ein Starinterview und ein Plastikvampirgebiss zum Vorzugspreis für besonders treue Fans ...
Die zentrale und überaus quälende Frage in
The Fall of the House of Usher ist, warum die letzten Angehörigen dieses Geschlechtes überhaupt sterben müssen. Diese Frage sei hier nun Ihrer Entdeckerlust überantwortet. Sie haben dabei die Möglichkeit zwischen fünf Hörprodukten zu wählen: zwei Hörspiele und drei Hörbücher, allesamt zu höchst anständigen Downloadpreisen.
Beginnen wir mit den Hörspielen, denn hier gestaltet sich die Sache recht einfach. Wer das Original möchte, der greife zu der Produktion von TITNIA aus dem Jahr 2006. Diese 11. Folge des sogenannten „Gruselkabinetts“ bietet stürmische Gewitternächte, krächzende Raben und schaurige Orchestermusik – ein Vorzeigegruselhörspiel. Ich hätte beinahe gesagt – für die ganze Familie, aber nein, ihre Kinder sollten schon 14 Jahre alte Nerven haben um das unzerrüttet zu durchstehen. Denn damit können Sie wirklich jeden Kindergeburtstag sprengen. Die Kleinen werden keinen Hunger mehr haben, ihr Naschwerk liegen lassen und nach Hause wollen, solange es noch hell ist, um sich mal wieder vom Sandmännchen in den Schlaf trällern zu lassen – ja selbst die coolen Zwölfjährigen.
Das zweite Hörspiel ist aus dem Hause Lübbe und stammt aus dem Jahr 2003. Da spielt zwar das Filmorchester Berlin und Heinz Rudolf Kunze steuert einen Titelsong dazu bei, „Der weiße Rabe“, aber wir haben es hier mit einem Konzept von insgesamt vier Geschichten zu tun, in denen Edgar Allan Poe selbst als Kranker durch seine Geschichten geistert. Die Technik der Produktion ist gut, alles ist sehr stimmungsvoll, okay, doch mit den Geschichten Poes hat das Ganze nichts zu tun. Hier werden meisterhafte Geschichten durch den Fleischwolf der Respektlosigkeit gekurbelt und in den Kunstdarm einer poe-unwürdigen Rahmenhandlung gepresst.
Doch kommen wir zu den Hörbüchern: Da gibt es einmal
Der Untergang des Hauses Usher von Thomas Schücke gelesen und im Noa Noa-Verlag erschienen. Hier fehlt es ein wenig an Souveränität und an guter Aufnahmetechnik, empfehlenswerter ist da schon die Aufnahme mit Thomas Vogt, erschienen bei Argon im Jahre 2003. Sie steht in sehr direkter Konkurrenz zu dem neuesten Produkt, das erst vor einer Woche, exakt zum Geburtstag Poes im Christoph Merian Verlag erschienen ist. Diese Produktion gibt es allerdings noch nicht als Download, sondern nur als CD und ist damit auch um einiges teurer als Konkurrenzen-Produktionen. Der große Reiz daran ist jedoch der Sprecher, Ernst Jacobi und die Übersetzung von Arno Schmidt, in der aus
Usher dann sogar das Geschlecht der
Ascher wird. Verfall vorprogrammiert.
H.W. Prunck
Edgar Allan Poe: Der Fall des Hauses Ascher – Hörspiel. Christoph Merian Verlag 2009. Gelesen von Ernst Jacobi, übersetzt von Arno Schmidt. 1 CD. ca. 56 Minuten. ca. 12,00 Euro.
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