Thomas H. Cook gilt als Garant für perfekt ausgelotete Texte, die die finsteren Strömungen der Seelen einzufangen wissen. Der u.a. mit dem Edgar Award (für
The Chatham School Affair, 1996) ausgezeichnete Autor veröffentlichte mehr als 20 Romane und
true crime Titel und brachte die Kritik immer wieder ins Schwärmen. So auch mit
Das Gift des Zweifels, das 2006 den
Barry Award gewann. Kein Zweifel besteht, die Erwartungen an die Lektüre waren groß, der Anspruch schien hoch, der Einstieg in den Text jedoch wurde zur herben Enttäuschung. Nun ist
Das Gift des Zweifels aber ein Cook, und so liest man – wenn auch stutzig geworden – weiter.
Cook ist ein eleganter Erzähler, der es versteht, den Leser leise in menschliche Abgründe zu schaukeln, in scheinbar harmlosen Beschreibungen und Dialogen zu brillieren.
Das Gift des Zweifels jedoch verfolgt eisern eine einzige Idee, unterstellt den gesamten Text einer Versuchsanordnung. Und die geht so: „Du willst beschreiben, wie die Geschichte einer Familie auf die einer anderen Familie abfärbt, so, wie bei einer unabsichtlichen Doppelbelichtung die Farben einer Fotografie in die einer anderen übergehen.“ (S. 169) Eigentlich nichts Neues, Familienbande infizieren, Beziehungen prägen. Ein Verbrechen geschieht und der amerikanische Traum zerbröckelt rasant.
Erzählt wird nicht zuerst von dem „Unglück“, nicht von Keith, der von der Polizei, der gesamten Stadt und den eigenen Eltern verdächtigt wird. Das ist nur Vorwand, um etwas anderes, um Erics zerberstende Welt und sein tragisches Scheitern nachzuzeichnen.
Dieser Ansatz scheint eng geknüpft und will doch viel. Eric erzählt in der Rückschau, sodass die gesamte Tragik der kommenden Ereignisse auf ihm lastet. Was Eric längst weiß, muss nun der Leser begreifen. Dabei geht es nicht um die verzögert erzählte Handlungsfolge, sondern um Erics aufgeladenes Gefühlsdesaster. Dieser schmale Pfad der Erzählung schnürt der Story oft die Luft ab, denn wenn der Erzähler alles schon weiß, alles schon erfahren hat, dann fällt es nicht leicht, den Ereignissen und Handlungen ihre suggestive Macht zu lassen, weil man dem Schicksal nicht mehr unmittelbar ausgeliefert wird.
Das Grauen, das GrauenSo türmen sich auf den ersten Seiten drohendes Unheil verkündende Ahnungen, Anspielungen und wie in Granit so schwer gemeißelte Feststellungen. Ein Mädchen verschwindet und Grauen muss aufgebaut werden: „ihr vergossenes Blut möge nicht über uns kommen“ (S. 44), hofft Eric. Sein Sohn Keith, der Verdächtige, wird uns von Beginn an in erschütternd traurigen Eigenschaften als schlimmer Verlierertyp vorgestellt, ein Sohn, den man gerne loswerden möchte. Der Vater baut auf vermeintlich Unzerstörbares und versucht kopfscheu seine Frau zu durchschauen: „Hatte sie etwa unterdrückte Phantasien, träumte sie von goldgepflasterten Straßen und sagenhaften Palästen, wollte sie die Königin eines Berges sein, den zu erklimmen ihr nie vergönnt gewesen war ?“ (S. 80) Man mag dies bereits als Anspielung auf den später erwähnten Tennessee Williams lesen. Als Verweis auf die Hilflosigkeit, an der dessen Figuren scheitern, wenn sie versuchen, ein Leben zu ertragen. Doch kommt die immer wieder durchscheinende Referenz (vgl. Erzählsituation, Motive, Symbolik) an einen der großen amerikanischen Autoren Cooks Erzählung eher in die Quere, als ihr tiefsinnig Leben einzuhauchen.
Und so strandet der Roman immer wieder am eigenen Vorhaben. Der Sektionsbefund eines tugendhaften, schlichten, phantasielosen Mannes, der sich in einer extremen Situation die eigene Psyche und die der anderen sowie die Vergangenheit vorknöpft und zerlegt, sollte dem Leser einen unbequemen Blickwinkel eröffnen, ihm albtraumhafte Einsichten gewähren. Als Inferno im Inferno ist das trickreich erdacht: Hilflosigkeit und Angst auszumalen, die zu fixen Ideen führen und weitere Tragödien auslösen.
Doch lässt der Autor Eric so zielgerichtet in seinem Laufrad tiefer ins Unglück rasen, dass sich der Gedanke einschleicht, an Eric werde ein Exempel durchexerziert, wie eine Welt zusammenbricht und wie jemand selbst dazu noch Feuer legt und es schürt. Konträr zu dieser bedenklich durchkalkulierten Unterströmung glänzt
Das Gift des Zweifels in der unmittelbaren Erzählung, wenn Cook die Fäden, an denen seine Figuren agieren, etwas lockerer hält und sich die Geschichte zu verselbstständigen scheint. Und so liest man mal argwöhnisch die Stirn kräuselnd, mal entspannt wie an einem trüb-heiteren Tag und wird am Ende doch von einer kalten Böe erwischt. Denn Cook verfolgt einen allzu klar vorgezeichnete Weg: Den Leser durch eine „psychologische“ Odyssee in eine recht vordergründig emotionale Hollywood-Inszenierung zu schleusen. Man wusste es von Anfang an, man landet zwischen den Kulissen von
One Hour Photo und
American Beauty. Und hat doch irgendwie schon alles in
Davor und Danach gesehen.
Man hätte sich einen Erzähler gewünscht, der weniger aufgeräumt die Reste seiner zerrupften Westentasche nicht mehr zusammenflicken kann. Einen, mit dem die Pferde durchgehen. Und einen Autor, der nicht so straff am Gängelband zieht, damit wir ihn kapieren. Wie sehr aber vermisst man die präzise Unschärfe, die meisterhaft schattierten Silhouetten der Figuren aus
Das Verhör (Knaur 2005), in dem Cook ganz grandios das Nebulöse entziffert.
Anna Veronica Wutschel
Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels (Red Leaves, 2005). Roman. Deutsch von Reinhard Tiffert. München: Knaur 2007. 316 Seiten. 7,95 Euro.
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