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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:39

 

Kevin Lewis: Jagd auf Frankie

21.02.2009

Der Gutmensch aus der Gosse

Gesucht wird Frankie, 19, blond, Obdachlose in London seit 4 Jahren, wegen Mordes an einem Zuhälter und Besitzes eines Beweismittels von höchster Brisanz. Und schon sind wir mittendrin in einer Story, die vor Klischees nur so strotzt, aber auch ihre durchaus anrührenden bis zutiefst trivialen Momente hat. Das liest sich zwar nett, aber so wirklich spannend ist es dann auch nicht … Es pilchert eher dahin, findet Beate Mainka

 

Es ist schon ziemlich heftig, was Frankie in ihrem jungen Leben so hinter sich hat. Seit ihrem 15. Lebensjahr schlägt sie sich auf Londons Straßen durch – der Leser ahnt bald, dass der sexuelle Missbrauch durch den Stiefvater, einen Polizisten, der Auslöser für die Flucht aus dem gutbürgerlichen Milieu war –, jetzt wird sie wegen Mordes an einem furchtbar fiesen Zuhälter gesucht, dem sie einen Flaschenhals in das gleichnamige Körperteil rammte, als dieser eine 14-Jährige willfährig zu machen suchte. Auf ihrer Flucht klaut sie zu allem Überfluss auch noch die Handtasche und das Medaillon eines Büromäuschens, ohne zu ahnen, dass das Schmuckstück tatsächlich einen USB-Stick mit höchst brisanten Daten enthält. Damit ist die Jagd auf Frankie eröffnet, denn nicht nur Sean Carter vom Betrugsdezernat braucht die Daten, um einen Fall von Geldwäsche in höchsten politischen Kreisen nachzuweisen, auch die Gegenseite bläst zum Halali auf das Mädchen, und deren Häscher sind in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich. Und so muss Frankie erst durch ein Tal von Blut und Tränen gehen, bis am Ende alles, alles gut wird.

Ein spannender Autor


Das Spannendste an diesem Roman ist eigentlich die Biografie seines Autors. Kevin Lewis, Jahrgang 1970, hat selbst während seiner Kindheit ein Martyrium durchlitten, das über einen Heimaufenthalt und verschiedene Pflegestellen schließlich mit 17 bei einer Straßengang in London endete. Doch Lewis schaffte den Ausstieg, schrieb sich in zwei in Großbritannien erfolgreichen, in Deutschland nicht übersetzten Romanen The Kid und The Kid moves o­n sein Trauma von der Seele und lebt jetzt ein gutbürgerliches Familienleben mit Frau und Kindern als Schriftsteller von Kriminalromanen.

Trivialität und Tiefgang


Wenn diese Erfahrungen durchscheinen, wenn er Frankies schier ausweglose Situation als Gejagte ohne Rückzugsmöglichkeiten beschreibt, den täglichen Kampf um einen warmen Schlafplatz, ein wenig Geld für Essen, die mangelnde Hygiene und das Fehlen jeder menschlichen Bindung, dann bekommt dieser Roman Tiefgang, dann rührt er an Emotionen, dann löst er etwas aus. Den Rest schreibt Lewis sich schön, da bekommt der Plot Wendungen, die in ihrer Trivialität an Romane von Rosamunde Pilcher erinnern, etwa wenn Frankie 18 Monate nach ihrer Flucht mit Mann und Kind in einem Vororthäuschen in Bath die Familienidylle lebt, die natürlich vom großen blonden Bösewicht dann jäh beendet wird. Eine Frau mit Baby auf der Flucht erhöht die Spannung natürlich ungemein. Das ist genauso vorhersehbar wie viele andere Erzählstränge, die nach Schema F daherkommen. Und so bleibt nach der Lektüre ein leichtes Unbehagen, denn ganz so einfach, wie Lewis sich die Welt und ihre Einteilung in Gut und Böse vorstellt, ist sie halt eben doch nicht. Aber als Roman, der realistische Einblicke in die Randzonen unserer Wohlstandsgesellschaft vermittelt, dazu ist er gut zu gebrauchen, auch schon für jugendliche Leser. Immerhin.

Beate Mainka



Kevin Lewis: Jagd auf Frankie (Frankie, 2007). Deutsch von Gisela Stern. München: dtv 2009. 379 Seiten. 9,95 Euro.



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