Eigentlich wurde an den vier Romanen, die Qiu Xiaolong geschrieben hat, schon alles gelobt: Ein großartiger Autor, der vielschichtig schreibt, raffiniert konstruiert und mit dem Shanghaier Oberinspektor Chen eine packende Hauptfigur erfunden hat. Auch
Blut und rote Seide wirkt – wie alle Fälle von Chen – ziemlich komplex und gleichzeitig strahlt der Roman wieder diese ungewöhnlich gelassene Spannung aus.
Dabei herrscht eigentlich Alarmstufe rot im Reich der Mitte. Der erste Serienmörder wendet sich mit schön drapierten Frauenleichen an die Shanghaier Öffentlichkeit und es ist klar, dass er mit seinen Taten etwas ausdrücken will. Oberinspektor Chen Cao weiß Bescheid, weil er nebenbei ausländische Krimis übersetzt. Seine Vorgesetzten hingegen halten wenig von Psychologie. In China kann es einfach keine solchen Mörder geben, wie es sie nur in dekadenten westlichen Gesellschaften gibt. Chen konzentriert sich also lieber auf eine gerade genehmigte Fortbildung. Eigentlich wollte er Schriftsteller werden und jetzt sieht er seine letzte Chance, sich seinen Forschungen zu widmen. Thema: die Femme Fatale in der klassischen chinesischen Literatur. Während Chen also Liebesgeschichten dekonstruiert, liefert der Mörder jeden Freitag ein spektakuläres Opfer. Nach 160 Seiten haben sich im Kopf des Oberinspektors so viel Literatur und tote Frauen aufgetürmt, dass er einen Nervenzusammenbruch bekommt.
Die Gesetze des Genres und was man dagegen tun kann …Kaum zu sagen, was man an Qiu Xiaolong mehr bewundern soll: Wie er sich gegen die Gesetze des Genres so viel Zeit lässt, bis er seinen Ermittler in den Fall einsteigen lässt, oder wie er von nun an die Spannung mit einer ganz simplen Geschichte immer weiter anzieht. Denn der Eindruck des Raffinements täuscht. Natürlich gibt es für diesen Fall einen historischen Hintergrund: Die verdrängten Verbrechen der Kulturrevolution kommen durch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verwerfungen wieder ans Licht. Und natürlich verknüpft der seit 1988 in den USA lebende und dort chinesische Literatur lehrende Qiu diese Ebenen mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit. Aber den Täter kennen wir schon aus unzähligen anderen Frauenserienmördergeschichten.
Vielleicht handelt es sich bei Qius Raffinement ja eher um literarische Souveränität. Nicht nur seine Hauptfigur erinnert mit ihrer Autorität und Unbeirrbarkeit an Jules Maigret. Der wollte bekanntlich Arzt werden. Und so wie der berühmte Franzose seine Mörder als Patienten begreift, interpretiert Oberinspektor Chen seine Verdächtigen wie literarische Helden. Er scheut nicht einmal davor zurück in Hercule Poirot’scher Manier in einem zig-seitigen Dialog-Duell die Zusammenhänge des Falls zu erklären. Selbst in dieser Problemzone des Rätselkrimis hält Qiu noch die Spannung. Dass der Täter auf den letzten Seiten für Chen durch eine Überdosis Verständnis zum Opfer mutiert, ist, wenn man das als politisches Fazit begreift, eine Umwertung der besonderen Art.
Frank Barsch
Qiu Xiaolong: Blut und rote Seide (The Red Mandarin, 2007). Roman. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck. Wien: Zsolnay Verlag 2009. 377 Seiten. 19,90 Euro.

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