Tobias Hill: Der Kryptograph
28.03.2009
Geld allein macht nicht glücklich, oder?
Man muss dem C. Bertelsmann Verlag zu seinem perfekten Timing gratulieren, pünktlich zur Weltwirtschaftskrise legt es den passenden Roman vor. Geschrieben hat ihn der hierzulande noch unbekannte Londoner Tobias Hill, Jahrgang 1970, allerdings schon 2003, offensichtlich bereits Böses ahnend. Beate Mainka strebt nach Erkenntnis …
Auch Zukunftsmusik …
London 2021: Die Firma SoftMark hat eine elektronische Währung – SoftGold – entwickelt und etabliert, die durch einen nicht entschlüsselbaren Code allen Nutzern höchste Sicherheit garantiert. Der Erfinder und Firmengründer John Law, wegen seiner mathematischen Begabung auch der Kryptograph genannt und reichster Mann der Welt, gerät wegen der läppischen Summe von 20 Millionen, die er für seinen Sohn beiseite geschafft hat, ins Visier der Steuerfahnderin Anna Moore. Die erste Begegnung offenbart bereits die große Faszination zwischen den beiden so gegensätzlichen Menschen. Anna kann auch nach dem eher unbefriedigenden Abschluss des Falles nicht von dem undurchschaubaren John Law und seinen Motiven lassen. Als der SoftGold in Bausch und Bogen bei einem Finanzcrash untergeht und die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise stürzt, taucht Law unter. Anna macht sich auf die Suche, um nicht nur ihn, sondern auch ihren inneren Frieden zu finden.… variiert …
Die Tat, die den Plot auslöst, gehört eher in den Bereich Gentleman-Delikt (Herr Zumwinkel hat es gerade wieder bestätigt bekommen) und genauso leichthin gelingt es Law Dank seiner Verbindungen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Da ist Hill erfrischend aktuell. Aber nicht allein aus diesem fast nebensächlich anmutenden Handlungsfaden bezieht der Roman seine Spannung – immerhin müssen wir fast 200 Seiten warten, bis es zum großen Crash kommt – die aufkeimende Beziehung zwischen Law und Moore trägt ebenfalls dazu bei. Nur schade, dass Hill in diesem Teil seines Buches die Geduld des Lesers manchmal überfordert. Andererseits fasziniert, wie dicht er seinen Figuren zu Leibe rückt und ihnen damit eine beeindruckende Plastizität verleiht, bis hin zu den Nebenpersonen. Er nimmt sich Zeit für seine Geschichte, für seine Charaktere, verwickelt sie in ungemein lebendige Dialoge. Visionär und intelligent umkreist Hill sein ungleiches Paar, lässt die Außenwelt immer mehr zurücktreten und wirft die Liebenden am Ende auf sich selbst zurück, bar jeder gesellschaftlichen oder familiären Zuordnung.
Auffallend wenig Raum gesteht Hill der Tatsache zu, dass sein Buch in der Zukunft spielt. Nur Kleinigkeiten deuten die Veränderungen an, etwa die genetisch veränderten Mohnblumen für die Vase, die riesigen Datenmengen, die ein Laptop verarbeiten kann, Marginalien, die vor den grundlegenden Themen in den Hintergrund treten. Einzig das Potenzial der Kryptographie nimmt breiten Raum ein, deren Chancen, aber auch Grenzen: „Wo es eine Schwachstelle gibt, gibt es auch jemanden, der sie findet. Das verrät uns die Geschichte der Kryptographie. Egal, aus welchen Motiven, irgendjemand wird versuchen, den Code zu knacken. Und es gibt immer eine Schwachstelle.“ Da weist Hill auf die Gefahren des modernen Raubtierkapitalismus und seiner großen Abhängigkeit von einem funktionierenden globalen Computersystem hin. Darüber hinaus entwirft er eine reife, unmögliche, zarte und mitunter leider auch triviale Liebesgeschichte, in der Geld zunehmend keine Rolle mehr spielt.
… die immer gleichen Themen
Beruhigend und erschreckend zugleich ist die Aussicht, die Hill uns mit seinem Roman beschert: Auch in Zukunft sind die beiden stärksten Motivatoren menschlichen Handelns das Geld und die Liebe. Das Streben danach weist eindeutige Parallelen auf: Auch wenn man sein Glück gefunden zu haben glaubt, das Scheitern ist häufig vorprogrammiert und alle Gunst des Schicksals endlich. Dennoch versuchen wir es immer wieder, zum Glück!
Beate Mainka
Tobias Hill: Der Kryptograph (The Cryptographer, 2003). Aus dem Englischen von Regina Rawlinson. München: C. Bertelsmann 2009. 318 Seiten. 19.95 Euro.
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