Jeffery Deaver: Der Täuscher
25.04.2009
Zerstörung von unschuldigem Papier!
Ein ganzes Buch vernichten, einen Deaver noch dazu, wer pflanzt eine derart barbarische Idee in des Lesers Hirn? In diesem Fall der Autor selbst: Denn irgendwo im Buchrücken versteckt könnte ein Chip – ist das nicht verrückt? – über einen Funkscanner melden, wo gerade welches Buch gelesen wird. Wer die fatale Todsünde begeht, nicht bar sondern mit Karte zu zahlen, hinterlässt einen breiten Trampelpfad an persönlichen Informationen und rückt direkt das „Wer“ an Ort und Buch. (Horror-)Utopia ? In Der Täuscher zeigt uns Jeffery Deaver, dass in scheinbar harmlos nutzlosem Datenmüll das Böse lauert. Was weiß ANNA VERONICA WUTSCHEL.
Er ist ein Exzentriker, ein Sonderling, der besitzen und seinen Besitz zelebrieren will. Er instrumentalisiert alles für seine Zwecke, hamstert und ist immer auf der Jagd. Voller Lust erschafft er seine Welt, die er – Gott gleich – nach seinem Willen ordnet. Er ist “homo collector“, ein Sammler. Und er ist immer auf der Pirsch. Die vom genialen, querschnittsgelähmten Ermittler Lincoln Rhyme angelegten Datenbanken – zu Staubpartikeln, Algen oder alkoholischen Getränken etc. – sind legendär. Rhyme sammelt und baut auf Fakten, denn nichts ist so zuverlässig wie die Tatsachen. Hatte er es in Der gehetzte Uhrmacher noch mit einem exzellent kalkulierenden, kongenialen Superhirn zu tun, das er übrigens immer noch jagt, muss sich der Fakten-Sammler Rhyme nun in Der Täuscher mit gleich mehreren Tätern befassen, die eine weitere Facette seiner selbst reflektieren – die Sammelwut. Wir schreiben das 21. Jahrhundert, Zeit und Raum scheinen belanglos geworden, die uralte, unstillbare Sehnsucht nach Macht und Wissen, nach Kontrolle – eine Gier, die es schon immer gab – scheint befriedigt werden zu können: High-Tech zeichnet alle Bewegungsabläufe auf und speichert sie. Der Schelm, der Böses treibt, weiß alles und kann Vergangenheit und Gegenwart nach gusto umräumen. Wie dann aus Fakten, factum, fatum, das Schicksal, und daraus ein Verhängnis werden kann, ist bös erdacht. Denn wenn die Fakten gegen dich sprechen, wer glaubt dir dann?
Manipulation macht Spaß ...
Zumindest glaubt niemand Arthur Rhyme. Dem Cousin von Lyncoln Rhyme wird Diebstahl und Mord angelastet und das Beweismaterial scheint erdrückend. Doch Arthur beteuert seine Unschuld, und da es nun einmal Familie ist, nimmt sich Lincoln, wenn auch zunächst widerwillig, der Sache an. Eigentlich jagt er nämlich via Telefon und Computer den Uhrmacher in einem so ziemlich alle westlichen Geheimdienste umspannenden Einsatz in Großbritannien. Erste Einsicht in die Akten zu Arthurs drohender Mordanklage lassen allerdings auf Ungereimtheiten schließen. Flugs stößt Lincoln auf ähnlich seltsame Fälle, und als dann ein Mord gemeldet wird, der ins gerade entdeckte Schema passt, steht fest, hier treibt ein Serientäter perfide Spielchen und bringt völlig unerkannt unschuldige Mitbürger mit lupenrein manipulierten Beweisen hinter Gitter. Ganz so lupenrein nun auch wieder nicht, doch was Lincoln rasch durchschaut, mag der Polizei so gar nicht gefallen: Will Rhyme doch unzählige abgeschlossene Fälle aufrollen und einen bislang unerkannt operierenden Serientäter fassen. Das wirft kein gutes Licht aufs NYPD. Rhyme trommelt trotz Widerstands seinen altbewährten Trupp zusammen und kommt dem Täter schnell auf die Spur. Dessen Waffe ist sein immenses Wissen über seine Opfer, das er ausgefuchst gegen diese einsetzt. Wie zerstörerisch er sein Wissen über seine Gegner auskübelt, wird nicht nur Amelia Sachs, Rhymes Partnerin, bald herausfinden. Wer dem „Täuscher“ in die Quere kommt, stolpert meist tödlich über sein eigenes Leben. Doch wie gelingt es dem Mörder, an all die intimen Informationen über seine Mitmenschen zu gelangen? Und wieso scheint er den Ermittlern immer zwei Schritte voraus? Andrew Sterling und sein Daten-Imperium SSD, das zu rein kommerziellen Zwecken ganz legal Daten für eine “bessere Zukunft“ sammelt, rücken immer mehr in den Fokus der Ermittlungen.
Geballere, schnittiges ...
Gewohnt brisant rasant unterwegs fackelt Deaver nie lange und rückt auch in Der Täuscher sein gerissen ausgefummeltes Thema um Identitäten-Klau ins gedeaverte Erfolgskonzept. Das Moment Zeit wird stramm in Tempo gewandelt und die Story schnittig runtergeballert. Was Rhyme so an einem Sonntagnachmittag erledigt, ist – mit Verlaub – atemraubend unglaubwürdig. Aber sei’s drum, flotter Marsch nach vorn, schnelle Schnitte und Perspektivwechsel sowie ungehemmte Drehs, die ihre Kehrtwendungen voll auskosten, all das scheint Deaver locker aus dem Handgelenk zu fließen. Dabei spult er immer wieder Variationen weniger Themen ab, die sich aber in fein verzerrten Effekten geistreich spiegeln. Dass Lincoln bei all dem ihn umgebenden High-Tech auf ein völlig desolat rückständiges Spracherkennungsprogramm zurückgreift, ist – für kleine Humorfetzen ist Deaver immer zu haben – nur eins der fidel einfließenden amuse-gueules. Der Uhrmacher hingegen, der wieder entwischt, lässt ein Nachspiel erwarten, siecht als verlockendes Versprechen auf Kommendes allerdings eher lasch dahin. Die in die Fakten-Schlacht eingesponnenen leicht rührselig-tratschigen Stories um onkel Henry und den „Wie-Ein-Bruder“ Cousin Arthur sowie die Liebesverstrickungen von Amelias „Als-Ob“ Tochter Pam Willoughby plätschern dahin, wobei an dem menschelnden Drumrum mehr Psycho-Lappalie als Charakteraufklärung oder gar Spannung pappt. Totale Herrschaft, Kontrolle und Weltverschwörung. Orwell sah’s für 1984 voraus, Huxley beschrieb’s als Schöne Neue Welt. Schräg! Schräg auch erinnert man sich auch an Pynchons Die Versteigerung von No. 49, wie dort das Rätsel verrätselt, Wahrheit in Zweifel gezogen wird. Und sich Erkenntnis mit Paranoia verbrüdert. Nach all den Skandalen um verschwundene, verhökerte Daten, nach all den Bespitzelungs-Affären, nach der Lektüre von Deavers leider bedrohlich wirklichkeitsnahem Täuscher ist klar: Unsere Privatsphäre ist hochpolitisch. Es gibt nichts Unschuldiges an Daten. Offiziell gewarnt wird längst – z. B. hier
Und wer geht nun auf die Barrikaden?
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