Kennzeichen T - 25.05.2012 Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 22:43

Alan Moore/Eddie Campbell: From Hell

25.04.2009

Mördermythen

Was kann ein Comic, was andere Kunstformen, die dasselbe Thema zum Stoff haben, nicht können? Oder anders können? Jack-the-Ripper hat derart viele mediale Bearbeitungen erfahren, dass es kaum noch möglich sein sollte, dem Sujet noch überraschende Seiten abzugewinnen. SVEN JACHMANN hat sich bemüht.

 

„Es beginnt gerade. Zum Bessern oder Schlechtern, das Zwanzigste Jahrhundert. Ich habe es entbunden.“ (Dr. William Gull)

Dass die Geschichte um die Morde Jack the Rippers bis heute ungeklärt ist, ist wohlbekannt. Keine Identität, keine Motivationen, keine allumfassenden Indizien, nur der Korpus einer Erzählung: Wenigstens fünf ermordete Prostituierte aus dem Londoner Stadtteil Whitechapel, denen nach vollbrachter Tat mit chirurgischer Präzision innere Organe entfernt wurden, zeugen von einem systematischen Plan. Mehr ist da zunächst nicht. Der Rattenschwanz an literarischen, filmischen und journalistischen Arbeiten, die den Stoff ins kulturelle Gedächtnis retteten, wiederum evoziert die Dringlichkeit, von der der offene Erzählraum verlangt, mit Inhalten gefüllt zu werden: Spannend ist ein Mythos dann, wenn er unabgeschlossen bleibt. So kann er durch seine Medialisierung wachsen, und tatsächlich erzeugten die Ripper-Morde weit über die Landesgrenzen hinaus ein Boulevardecho, das zugleich vom weiteren Mythos hinter dem fortgesetzten kündet: von Gesellschaften, die ins Zeitalter der Vernunft eingetreten sind.

Zelebration …

Dutzende Bekennerbriefe aus unterschiedlicher Hand zollten den Taten auf der faktischen Ebene hohe Anerkennung, auf der fiktionalen, die uns Szenarist Alan Moore und Zeichner Eddie Campbell offerieren und sich dabei vornehmlich auf die als ziemlich gesichert geltende Abhandlung Jack the Ripper: The Final Solution des englischen Journalisten Stephen Knight beziehen, gesellen sich dazu zahlreiche weitere Motive, vor allem aber ein politisches: In From Hell ist es Queen Victoria, die den königlichen Leibarzt Dr. William Gull mit der Aufgabe betraut, als Stütze der öffentlichen Ordnung zu fungieren, indem er das Wissen um die sexuellen Ausschweifungen des arglosen Prinzen Eddie ausradiert. Denn die führten zu der Zeugung eines unehelichen Kindes mit einem Ladenmädchen. Also wird die Mutter durch eine forcierte Operation unschädlich gemacht und vegetiert fortan in der Psychiatrie, und bevor die Prostituierten aus dieser Kenntnis Kapital schlagen können, werden sie von Gull und seinem Kutscher und Komplizen Netley der Reihe nach ausfindig gemacht und getötet. Den Akt selbst zelebriert Gull, die Profanität seines Auftrags hinter sich wähnend, als ritualisierte, antizivilisatorische Individuation in der anbrechenden Moderne: Regungslos seziert er sein Menschenmaterial, hält stürmische Reden vor einem imaginierten Publikum und spätestens während der Visionen, die ihn dabei heimsuchen, wird die materialistische Erzählmethode Moores und Campbells manifest. Dann blickt er auf gegenwärtige Wolkenkratzer, beobachtet das stoische Treiben der telefonierenden Büroangestellten in ihnen und deklamiert: „Ihr seid die Summe all eurer Vorgänger, und scheint doch gleichgültig gegen euch selbst. Eine Kultur, die ihr Interesse sogar an den eigenen tiefen Wunden verlor. Wie erscheine ich euch wohl? Als antiquierter Teufel oder Groschenheftschrecken? IHR schreckt auch MICH! Ihr habt keine Seele. Bei euch bin ich allein.“

… Teufel …



Antiquierter Teufel oder Groschenheftschrecken? Bei Moore jedenfalls fungiert Gull weder als das eine, noch als das andere. Die Frage nach Jacks Identität ist in diesem 600 Seiten umfassenden Ziegelstein bereits früh geklärt. Spannungsgenese sieht anders aus. Auch die ausufernde multiperspektivische Erzählfokussierung, die gut zehn unterschiedliche Figuren umfasst, richtet das Augenmerk auf eine vergangene Epoche, die der Gegenwart ihr finsteres Antlitz verliehen hat. From Hell ist fast der künstlerische Versuch einer soziologischen Studie und das Prinzip der Erzählung Methode und Methodologie in einem (inklusive der dazu nötigen Transparenz: Im gut 50-seitigen Appendix erläutert Moore ausführlich, wann welche Quellen zum Einsatz kamen und wann und wieso die Dramaturgie gegenüber der Faktenlage Vorrang genoss). Auf der einen Seite der akkurate Versuch, das viktorianische England detailgenau im Umbruch zur Industrialisierung, zur kapitalistischen Verelendung und die dazugehörige Entfesselung der Ideologien zu skizzieren – der irrationalistische Kern der neuen Rationalität. Gull ist Angehöriger der Freimaurer, und nicht zufällig wird dem immer wieder aufflammenden Antisemitismus in der Bevölkerung mit der Geburt Adolf Hitlers sein eliminatorisches Gesicht verliehen. Überhaupt scheint ständig die Ambivalenz dieser Umbruchsphase durch. Das Proletariat werkelt an seiner eigenen Zerfleischung, und der Adel benötigt die Dienste eines psychopathischen wie gebildeten Serienmörders, um seine Position behaupten zu können. Auf der anderen Seite ist es dieser Killer, in dessen Figur sich diese Prozesse chiffriert verdichten. Sein Werdegang beschreibt den Klassendünkel jener Zeit (und wird von Moore psychoanalytisch und grimmig kommentiert: Was die Erwachsenen als kindlichen Forscherdrang am jungen Gull freudig beobachten, ist tatsächlich die frühzeitige Sublimierung der sadistischen Ader, wenn er mit Genuss die Frösche im Garten quält – die dialektische Logik der Rationalität), seine Taten dessen grausames Echo: Denn in den gefälschten Bekennerbriefen, die täglich bei der Polizei eingehen, dringt dieselbe sadistische Ader hervor. Ja eigentlich besitzt sie fast jede der tragenden Figuren, weswegen auch die psychoanalytische Deutung von Gulls Charakter genauso genommen eine doppelte ist, ganz im Sinne seiner Chiffrierung und der angesprochenen Rationalität der Moderne. Seine Gewalt ist dann unchiffrierter Ausdruck dessen, was er in seiner Ansprache beim modernen Büromenschen an Wissen vermisst: dass nämlich dessen Konkurrenzverhältnis eine ähnliche Gewalt ausdrückt, allerdings derart abstrahiert, dass sie genauso wenig registriert wird, wie die historischen blutigen Prozesse, aus denen dieses Verhältnis entwachsen ist (und sich von ihnen abgekoppelt glaubt).

& Symmetrie


Grafisch und stilistisch stehen alle Mittel im Dienste dieser These. Moores Hang zur Symmetrie suggeriert die Geschlossenheit des multiperspektivischen Ansatzes. Das Seitenschema umfasst in der Regel neun Panels in drei Reihen. Kühle Ordnung für eine Zeit, in der die Irrationalität der neuen Ordnung von selbiger ins verborgene gedrängt wird. Die skizzenartig anmutenden schwarzweißen Zeichnungen, stets gerahmt von einem präzisen Strich, wirken abweisend wie das Sujet, prozessual wie der von ihnen abgebildete Zeitkolorit und zugleich dokumentarisch – weil sie nicht ikonisch sein wollen und sich darob der Abstraktion des Stoffes und der These adäquat, nämlich keine Beschaulichkeit versprechend, annähern.

Was bleibt zu sagen? Cross Cult hat mit dieser Neu-Edition eines der Schlüsselwerke der Comicgeschichte wieder verfügbar gemacht. Ein Telefonbuch im Hardcoverformat, das im Bücherregal direkt zwischen die Dialektik der Aufklärung und Über den Prozess der Zivilisation einsortiert gehört.

 

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Raubbau an Körper und Seele

In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...