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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:43

Camilla Läckberg: Die Töchter der Kälte

02.05.2009

Frauenroman mit Krimieinschlag

Die Töchter der Kälte ist ein Kriminalroman. So steht es auf dem Umschlag. Gut so. Sonst könnte man denken, es sei ein Frauenroman. Camilla Läckbergs viertes Buch spielt wieder im Touristenidyll Fjällbacka und behandelt neben Wochenbettdepressionen und Beziehungsproblemen auch ein paar Kriminalfälle. JUDITH HAMMER schäumt nicht gerade vor Begeisterung...

 

„Der Hummerfang war wirklich nicht mehr das, was er früher mal war.“ Auf der ersten Seite des Romans zieht ein Fischer mit seinem Hummerkorb die Leiche eines kleinen Mädchens herauf – damit fängt alles an. Zuerst glaubt die Polizei an einen Unfall, aber schon der erste Besuch bei der Familie des Opfers weckt bei den Kommissaren Vorahnungen. Es gibt eine Fehde mit den Nachbarn, Feindseligkeit zwischen Mutter und Großmutter des Mädchens und der Vater hat eine Geliebte. Das tote Mädchen hatte ADHS und war bei ihren Mitschülern und beim Sohn der Nachbarn, der den ganzen Tag Computerspiele programmiert, gar nicht beliebt. Als die Obduktion einen Unfall ausschließt, bieten sich also für Patrik Hedström vom Polizeirevier Tanumshede und seine Kollegen eine ansehnliche Auswahl an Unklarheiten und bald auch an Verdächtigen. Camilla Läckberg lässt die Handlung an markanten Plätzen in Fjällbacka stattfinden: Die Leiche wird am beliebtesten Party-Bootssteg angelandet und der Kommissar wohnt in der Nähe des Campingplatzes. So erkennen die lesenden Touristen die Plätze wieder, an denen sie im Sommer Eis gegessen haben.

 

Eine volle Bühne

Der Aufbau des Romans: Jeweils zuerst ein Vorspann aus dem Steinmetz-Milieu im Strömstad der 1920erJahre. Darauf folgen Abschnitt für Abschnitt wechselnde Perspektiven im heutigen Fjällbacka. Es sind viele Handlungsstränge, die hier zusammengesetzt sind, zu viele. Neben der Familie des Opfers gibt die Autorin dem Privatleben des Kommissars Patrik viel Raum, besonders Erica, mit der er jetzt ein Baby hat. Erica hat Depressionen: „Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so elend, müde, aufgebracht, frustriert und lädiert gefühlt.“ Ericas Schwester in Stockholm leidet unter ihrem gewalttätigen Ehemann. Zwei ältere Paare sind in die Geschehnisse verwickelt, beide haben Probleme in ihrer Ehe, da besteht beim eiligen Lesen Verwechslungsgefahr. Ist Monica nun mit Arne verheiratet oder mit Kaj? Auf jeden Fall denken beide Frauen über ihre Rolle nach, über ihr Leben, und ob sie ihren Mann nach all den Jahren verlassen sollen. Und Patriks Chef, Bertil Mellberg, brütet seine eigene kleine Geschichte aus, denn er hat einen Brief bekommen und sinniert über mehrere Abschnitte darüber nach, ob sich jetzt sein ganzes Leben verändern wird.

 

Männer, die ihre Gefühle zeigen

Überhaupt grübelt hier jeder auf seine Weise, und auch die Männer sind sich ihrer Gefühle ständig bewusst, so wie manche Frau das vielleicht gerne hätte: Sowohl Patrik Hedström als auch sein Kollege Martin Molin hinterfragen ihren Beruf und die menschlichen Abgründe, in die sie schauen: „Normalerweise liebte er seinen Beruf, aber in diesem Moment verfluchte er den Augenblick, als er sich dazu entschlossen hatte, Polizist zu werden.“ Und beide Männer denken darüber nach, dass der Vater sich mit seiner Geliebten „im Bett gewälzt“ habe, als der Mord geschah. Camilla Läckberg vertieft sich bei all ihren Personen ausführlich in deren Gedanken. Ihr fällt auch zu jeder ein Geheimnis oder eine Schwäche ein, die mit der Handlung verbunden sind. Stetig arbeitet die Autorin sich durch die Gefühlswelt der Personen und gewichtet sie fast alle gleich. Streckenweise entsteht so ein Gruppenbild, in dem die Hauptdarsteller untergehen. Die Gefühlsbeschreibungen klingen oft abgedroschen: „Sobald das Mädchen identifiziert war, würden sie das Leben ihrer Eltern zerstören müssen.“ Oder: „Dann hörte sie das Schreien. Sie fragte sich, wer es wohl sei, der so traurig, so angsterfüllt klang. Dann begriff sie, dass sie es selbst war.“

Die Lösung des Falles kommt buchstäblich über Nacht, in einer Fernsehsendung, die Patrik zufällig sieht. Die Geschichte eines Mordes – vor langer Zeit begangen – ist der Schlüssel. Dann endlich lassen sich auch die Rückblenden einordnen; Camilla Läckberg benannte nach ihnen sogar den Roman: Stenhuggaren – „Der Steinmetz“ heißt er im schwedischen Original. Dabei geht es doch vor allem um Frauen, ihre Mütter, ihre Töchter. Dieses Buch endet sogar mit einem klassischen Liebesromanthema, nur abgebremst von einer erschreckenden Nachricht.

In Schweden gab es im Herbst 2007 eine Debatte unter einigen Krimiautoren. Vor allem ein paar ältere männliche Autoren griffen ihre jüngeren weiblichen Kolleginnen an und kritisierten deren Werke. Camilla Läckberg wurde vorgeworfen, sie schreibe kitschig. Ob ein Frauenroman das verträgt, ist eine andere Frage.

 

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