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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:43

William Gay: Nächtliche Vorkommnisse

02.05.2009

"Buh, Buh!"

Wer robuste, sogar sehr robuste Romane schreiben möchte, die in den Südstaaten spielen, kommt vor allem nicht um Joe R. Lansdale herum. Auch wenn man William Gay heißt und sich große Mühe gibt Denn da ist doch alles drin, oder? Szenen aus der Metzgerei und dem kleinen Perversitätenladen, dazu die Morbidität des Zerfalls in rauschender Wildnis (Southern Gothic!). Der Autor lebt zudem „in den Wäldern von Tennessee“ und sieht auf dem Foto auch genauso aus. Schön. Und warum hat sich DIETER PAUL RUDOLPH bei der Lektüre dann dennoch so entsetzlich gelangweilt?

 

Gleich auf den ersten Seiten wird uns zur Einstimmung auf Folgendes eine Fuhre Leichen vors lesende Auge gekarrt. Alsdann schließen wir Bekanntschaft mit Fenton Breece, dem Leichenbestatter jenes Tennessee-Kaffs, in dem die Geschichte ihren finsteren Verlauf nimmt. Breece – wir müssen ihn uns als fürchterlichen Widerling vorstellen – ist Leichenschänder von Profession. Das sehen mit eigenen Augen die jugendlichen Geschwister Corry und Kenneth Tyler, als sie, warum auch immer, das Grab ihres Vaters öffnen. Und danach noch eine Reihe anderer mit ähnlich schrecklichen Anblicken. Was Breece mit seiner Kundschaft anstellt, ist unappetitlich und monströs, so jemand gehört erpresst. Finden die Tylers und machen sich, eine Sammlung entwendeter Fotos als Druckmittel, ans Werk. Leider spielt Breece nicht mit. Er engagiert Granville Sutter und hätte keinen besseren finden können. Denn Sutter ist ein Killer, das weiß man, kann es ihm aber nicht nachweisen. Er setzt die Tylers gehörig unter Druck, kommt jedoch an die Bilder nicht heran. Die süße, biestige Corry muss dran glauben, Kenneth aber flüchtet sich ins „Harrikin“, ein ehemals industrialisiertes, längst wieder von der Natur überwuchertes Waldgebiet. Er muss es durchqueren, um einen unbestechlichen Sheriff zu erreichen, der ihm Sutter vom Halse schafft. Doch Sutter ist ihm auf den Fersen ...

Nun ja. Wähnte man sich bis dahin in einer weder besonders gelungenen noch komplett missglückten Joe R. Lansdale-Kopie, kommt es jetzt ganz dick. Von Verfolgung, das merken wir schnell, kann keine Rede sein. Alles verläuft nach dem immer gleichen Muster. Tyler trifft irgendwelche merkwürdigen Menschen in der Wildnis, verabschiedet sich – und gleich darauf erscheint Sutter bei eben diesen Leuten und fragt, wohin denn Tyler gegangen sei. Erhält er keine befriedigende Antwort, kann er furchtbar grantig werden und auch schon mal – siehe Anfang – eine komplette Familie samt Hund abstechen.

Das Lächerlichste an diesem Buch jedoch ist, dass uns dieses „Harrikin“ als nichts weniger denn die Hölle auf Erden schmackhaft gemacht wird. Ein von Mythen und Schrecknissen durchwehter Ort, in dem „das Böse“ wie eine archaische Urgewalt über den jungen Tyler hereinbricht. Und was bekommt man? Ein von der Landschaftsgärtnerei nach dem Katalog hochgezogenes Designerwäldchen. Die titelgebenden „nächtlichen Vorkommnisse“ sind ungefähr so grauenerregend wie ein Mistkäfer, der sich im Schlaf auf den Rücken rollt. Das alles in einer Sprache, die irgendwo zwischen „magischem Realismus“ und bedeutungsschwangeren Bildern, poetischem Kitsch und bewusst gesetzten, das heißt Seiten vorher schon zu ahnenden Schockeffekten laviert. Und worum geht es am Ende? Um die Mannwerdung des jungen Tyler, „älter, vielleicht weiser, vertrauter mit dem tolldreisten Wirken einer tolldreisten Welt, (...)eine unheilvolle, zehn Jahre ältere Version seiner selbst.“ Ach ja, schön wärs.

 

Furchtbar läppisch

Unterdessen hat es den nekrophilen Breece, der er sich mit der toten und aufgebrezelten Corry im Wohnzimmer gemütlich gemacht hat, erwischt, und auch Granville Sutter ist seiner gerechten Strafe nicht gegangen. Ihm, dem Erzbösen, bleiben jetzt immerhin die Visionen der Kindheit erspart, als Mama mit dem Schlachtermesser ans Bettchen ihres lieben Kleinen trat. Wärs nicht so traurig, man könnte fast so laut darüber lachen wie über die Szene, in der Sutter als altes Muttchen verkleidet den arglosen Tyler abgreift.

Das alles ist in summa furchtbar läppisch, ein guter Onkel, der „buh, buh!“ schreiend vor lachenden Nichten und Neffen das Grauen imitiert. Am ärgerlichsten jedoch ist, dass so etwas mit Cormac McCarthy und – man halte sich fest – William Faulkner in Verbindung gebracht wird. Dagegen hilft nur sofortige McCarthy- und Faulkner-Lektüre. Und die Erkenntnis, dass auch echt urige Typen, die „in den Wäldern von Tennessee“ leben, reichlich schablonenhaft schreiben können. Na, das werden wohl schöne Wälder sein ...

 

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