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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:44

Norbert Entfellner: Das abessinische Souvenir

09.05.2009

Eine Provinzapokalypse reinsten Wassers

Niederbayerische Provinz, eine Kapelle mit Heilquelle und am Brunnenbecken lehnt ein toter Araber mit sehr unschönen Stichwunden im Oberkörper. Ausgerechnet an einem Ort, an dem „körnerfressende Hebammen“, Nonnen und Brustamputierte ihr Heil suchen, schlägt das Unheil ein und es wird in Norbert Entfellners Krimi Das abessinische Souvenir noch weite Kreise ziehen. ALEXANDER FRANK entdeckt eine Perle in den Fluten des Regionalkrimis

 

In der Hosentasche des Toten finden sich arabische Notizen, die neben Koranzitaten auch physikalische Berechnungen zu radioaktiven Stoffen enthalten. Da schrillen natürlich die Alarmglocken auf den höchsten Ebenen und Kommissar Gruber, der für die Ermittlungen im Mordfall zuständig ist, sieht sich schnell von einem hohen Beamten mit stoiberscher Satzbildungsstörung und dessen Männern in Schutzanzügen an den Rand gedrängt. Wen interessieren schon die genauen Todesumstände eines unbekannten Arabers angesichts eines womöglich drohenden Terroranschlags? Andererseits sind es gar nicht so wenige, die von Gruber in den Fall hineingezogen werden und in seinem Kielwasser in den Strudel der Ereignisse geraten: ein intellektueller Kapuzinerpater, ein prolliger Polizeiarzt, eine attraktive Ärztin und ihr Bruder, ein erfolgreicher Künstler auf der Durchreise, ein Bibliothekar namens Schwester Gisela und einige mehr.


 

Der marginalisierte Kommisar

Dazu kommen ein, zwei Dutzend weitere Figuren, die verdächtig, verwickelt, verantwortlich oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Der Roman bietet so einen breiten Querschnitt durch die Gesellschaft einer Kleinstadt, die im Buch zwar Staffhall heißt, aber unschwer als Passau zu erkennen ist. Trotzdem wäre es falsch, hier einen der gerade so populären Regionalkrimis zu vermuten, die auf einen lokal begrenzten, aber dankbaren Buchmarkt schielen. Der exotische Titel ist hierfür schon eine klare Absage. Eigentlich ist auch die Bezeichnung „Kriminalroman“ auf dem Cover ein Understatement, denn mehr als an einer geradlinigen Aufklärung des Verbrechens ist Entfellner daran interessiert, präzise Blicke in die seelischen Abgründe seiner Figuren zu werfen und deren Wege auf geschickte Weise zu verweben. Deswegen wird Kommissar Gruber nicht nur dienstlich, sondern auch erzählerisch marginalisiert: Er muss seinen Platz als Erzählinstanz immer wieder räumen, acht weitere Figuren dürfen übernehmen und lassen den Leser in ihre Haut schlüpfen. Durch die kurzen Kapitel ergeben sich so effektvolle Schnitte mit Perspektivwechseln und Sprüngen in Raum und Zeit.

 

Die unaufrichtige Wirklichkeit

„Gruber fragte sich, ob sich nicht oft die Wirklichkeit, aus reinem Überdruss, in die Gedankenwelt der Kriminalpolizei verwandelt; einfach, weil sie es satt hat, sich ihrer zu erwehren. Aus Müdigkeit bricht vielleicht die Wirklichkeit einfach zusammen und legt ein falsches Geständnis ab, um den quälenden Befragungen zu entgehen, oder aus Furcht vor Folter.“ Aus dem Zweifel des Kommissars spricht offenbar die Skepsis des Autors gegenüber seinem Genre, die dieser aber durchaus produktiv zu verarbeiten weiß. Das abessinische Souvenir bietet zwar ein Verbrechen und dessen Aufklärung, wie man es von einem Krimi erwartet, hier wird aber auch mit detektivischem Ergeiz ein Rätsel gelöst, das gar nicht kriminalistischer Natur ist (aber dem Buch sogar den Titel gibt) und es bleibt andererseits am Ende einiges offen – erschreckend viel sogar, könnte man sagen.

 

Die strahlende Reinheit

Die Geschichte endet mit einer Fluchtfantasie von Miriam, der Ärztin, die ihren Bruder in Cornwall besucht. Das offene, reine Meer erscheint als Gegen-Ort zu Staffhall, das seine Unschuld verloren hat und über dem ein Schatten liegt. Die Sehnsucht nach Reinheit hat ja auch die Handlung in Gang gebracht: Polizeimeister Rosenberger entdeckt die Leiche an der Quelle nur deswegen, weil nach Meinung seiner Frau das Heiligenbrunner Wasser das einzig trinkbare sei – weil nicht verstrahlt – und er deshalb regelmäßig die Kanister füllen muss. Nachdem sich herausgestellt hat, das der Tote – ausgerechnet! – hoch radioaktiv strahlt, wird die Wasserqualität untersucht. Das Ergebnis: keine Strahlenbelastung, aber wegen Phosphaten nicht als Trinkwasser geeignet. Die Bedrohung kommt also nicht immer aus der Richtung, aus der man sie vermutet. Und die verlorene Reinheit kann auch zuvor schon eine Illusion gewesen sein.

Das abessinische Souvenir
ist ein raffiniert konstruierter, witziger und gut geschriebener Roman, der auch Nicht-Passauern und Krimimuffeln großes Vergnügen bereiten kann. Und der Umstand, dass er bei einem kleinen Münchner Verlag erschienen ist, kann als freundliche Erinnerung dienen, auch das, was jenseits der großen Verlage publiziert wird, nicht aus den Augen zu verlieren.

 

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